Von Hanns Lilje

Der evangelische Landesbischof von Hannover D. Dr. Hanns Lilje ist vor kurzem von einer ausgedehnten Amerikareise zurückgekehrt.

Das Besondere am heutigen Schicksal Amerikas ist dies, daß es sich vor eine weltpolitische Führerstellung gestellt sieht, in einer frühen, noch immer zu frühen Stunde seiner Geschichte, Zwar ist die politische Geschichte dieses Landes, seit es eine eigene unabhängige Entwicklung hat, heute auch hundertfünfzig Jahre alt. Aber abgesehen davon, daß hundertfünfzig Jahre im Vergleich zu der Traditionslast Europas keine fange Zeitspanne sind, so sind sie vor allem von ganz anderer Qualität und von anderem Inhalt erfüllt. In diesen anderthalb Jahrhunderten hat die amerikanische Geschichte Räume durchschritten, umspannt, erobert, die insgesamt das vielfache der Ausdehnung Europas betragen. Das ganze vorige Jahrhundert stand unter dem Zeichen des Kampfes um die "Grenze". Hekatomben von immer neuen Einwanderern sind in diesem Kampf um die sich ständig nach Westen verlagernde Grenze zugrunde gegangen; aber immer neu hat der Ruf "Westward ho" seine faszinierende Gestalt ausgeübt. Bis an die Schwelle dieser gegenwärtig lebenden Generation hat die Vorstellung, es gebe praktisch keine Schranke der Ausdehnungsmöglichkeit, das Denken der Amerikaner beherrscht. Bis auf diesen Tag haben sie Mühe zu begreifen, welch ^ein kompliziertes, von mehr als ^tausendjährig Geschichte geformtes, von schwersten ^geschic lichen Spannungen umkämpftes Gebilde Grenzen sind, die Europa aufteilen.

Im ersten Weltkrieg hat Amerika ^zu erstenmal den alten Boden Europas wieder das geschichtliche Blickfeld bekommen. Aber, hat sich enttäuscht, verwirrt und ^abgestotl wieder davon abgewandt und nicht einmal jener politischen Neuordnung der Welt ^teiln men wollen, die sein eigener Präsident vorschlagen hatte, an dem Völkerbund. Die ^will sende Technisierung der Weltpolitik hat es zwar der immer stärkeren Verbundenheit der Nationen in der Welt inne werden lassen; aber der Sinn für den neuen geschichtlichen Auftrag ist erst durch den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit emporgetaucht.

Man kann es verstehen, daß diese Entwicklung – nur schwer und langsam begriffen wird. Noch immer erscheint der Isolationismus als eine verlockende, vernünftige, naheliegende Möglichkeit.

Aber dem gegenüber ist nun doch die Erkenntnis im Wachsen, daß Amerika sich einer besonderen Verantwortung gegenüber sieht, die es auf sich nehmen muß. Der militärische Sieg, der ihm schon auf Grund seiner riesigen materiellen Überlegenheit sicher erschien, ist errungen und muß nun, wenn er nicht vom Standpunkt des Siegers aus sinnlos bleiben soll, gewährt werden. Daß damit eine geschichtliche Verantwortung ersten Ranges verbunden ist, die bewußt ^wahrte men werden muß, ist eine Erkenntnis, di-Amerikanern offensichtlich. schwer ^fällt. Gründe dafür scheinen die folgenden zu sei

Das immer gegenwärtige Hauptproblem Demokratie ist die Heranbildung einer führe! Schicht. Daß der "Volkswille" das ^geschic Schicksal bis in die Einzelheiten bestieg könne, ist eine Illusion; er kann ^kontroll; über die Innehaltung großer Grundsätze ^was aber er kann nicht im einzelnen entscheiden und führen. Die riesige politische Verantwortung, die heute den Vereinigten Staaten zugefallen ^ist kann nicht ausgeübt werden, wenn sie nicht von einer führenden politischen Schicht begriffen; geformt und in immer wiederholten Einzelentscheidungen verwirklicht wird.