Der Erfolg verbürgt in den USA den Erfolg, am sichersten. Und also haben sich die Republikaner auf ihrem Nationalkonvent in Philadelphia entschlossen, nicht ihr zuverlässigstes oder populärstes, sondern ihr politisch erfolgreichstes Pferd in das Rennen um das Weiße Haus zu schicken. Im dritten Wahlgang wurde der Gouverneur von New York, Thomas E. Dewey, mit dem außerordentlichen Ergebnis von 1094 gegen 0 Stimmen zum Präsidentschaftskandidaten gewählt, nachdem auf Grund der beiden ersten Abstimmungen alle seine Rivalen zu seinen Gunsten verzichtet hatten. Kühl, verbindlich lächelnd und wie stets mit peinlicher Sorgfalt gekleidet, nahm er die Nachricht seiner Nominierung auf. Und wer ihn kennt, weiß, daß sein erster Kommentar, in dem er für den Januar 1949 in Washington "das größte Reinemachen aller Zeiten" voraussagte, keine leeren Worte waren.

Als Anfang der dreißiger Jahre ein junger Staatsanwalt in der demokratischen Hochburg New York den Kampf gegen das organisierte Verbrechertum aufnahm, dessen Fäden durch mehr als einen Knoten mit Tammany Hall verknüpft waren, da hätten wenige auch nur einen Cent für sein Leben gegeben. Thomas E. Dewey aber verbiß sich in seinen Gegner und – schaffte es. "Rackett Buster" nannten ihn bald die New Yorker bewundernd. Und als es ihm gelang, den durch seine Beziehungen zu Roosevelt für unverwundbar gehaltenen Chef Tammany Halls, Hines, zu acht Jahren Zuchthaus zu verurteilen, da ruhten zum ersten Male auch die Augen der GOP-Bosses – voll Wohlgefallen auf ihm. Inzwischen, so meinen manche, ist ihnen der 46jährige mit dem dunklen Schnurrbart und dem sorgfältig gescheitelten Haar bereits über den Kopf gewachsen. Drei Eigenschaften sind es vor allem, über die er in ungewöhnlichem Maße verfügt Ehrgeiz, Energie und Mut; Eigenschaften, die den Beifall aller echten Amerikaner finden. Darüberhinaus erfreut er sich der Gunst Wallstreets. Seine Angst vor der tödlichen Lächerlichkeit läßt ihn jedem Skandal, jeder peinlichen Situation und jedem Foto in Hemdsärmeln aus dem Wege gehen. Und obgleich es ihm nicht gelingt, seine intellektuelle Überlegenheit auf jene allgemeinverständliche Mittelmäßigkeit herabzuschrauben, die die Wähler lieben, hat er den Vorsprung nicht eingebüßt, den er stets vor seinen Mitbewerbern hatte,

Während man Dewey in der Innenpolitik eine außerordentliche Anpassungsfähigkeit nachsagt, vertritt er außenpolitisch einen eindeutigen Standpunkt. Es ist zu erwarten, daß er als Präsident das State department seinem Freund John Foster Dulles übergeben würde, der sich von Marshall dadurch unterscheidet, daß er nicht nur dem Wiederaufbau Deutschlands den Vorrang gibt, sondern auch eine schärfere antisowjetische Haltung einnimmt. Die amerikanische Außenpolitik, die ohne nennenswerte Tradition und Erfahrung seit Kriegseintritt oft einen Zickzackkurs steuert, würde unter der Leitung von Dulles jedenfalls eine feste Position beziehen; Deweys eigene außenpolitische Konzeption geht aus seinem Acht-Punkte-Programm vom 6. Mai hervor. Er drängt auf die Verstärkung der Luftwaffe, den weiteren Bau von Atombomben, die Schaffung eines ausgezeichneten Intelligence Service, die Unterstützung Chinas und das Entstehen einer dritten Großmacht: Europa. "Die amerikanischen Hilfeleistungen", so sagte er wörtlich, "sollten nur entsprechend den Bemühungen gewährt werden, die Europa zur Verwirklichung seiner Einheit macht."

Bei den Republikanern war es bisher streng verpönt gewesen, einen schon einmal geschlagenen Kandidaten ein zweites Mal zu nominieren: Und Mrs. Alice Langworth, die Tochter Theodore Roosevelts, über ihre Ansicht befragt, bemerkte bissig: "Ein Eierkuchen geht nie zumzweiten Male auf." Doch gerade hier liegt Deweys Stärke. 1938 unterlag er im Krampf um den Gouverneursposten New Yorks – vier Jahre später war er erfolgreich. 1940 wurde Wendell Willkie statt seiner Präsidentschaftskandidat der GOP – vier Jahre später siegte Dewey. 1944 schlug ihn Roosevelt mit drei Millionen Stimmenmehrheit – vier Jahre später ...? "Wer den Kongreß verliert, verliert das Weiße Haus." Wenn es den Demokraten nicht überraschend gelingen sollte, Eisenhower zur Annahme seiner Nominierung zu bewegen, dürfte dieses seit achtzig Jahren nicht durchbrochene Prinzip auch 1948 seine Gültigkeit beweisen. Und der Mann, der noch vor zwanzig Jahren die Absicht hatte, Opernsänger zu werden, würde den Platz hinter dem größten Schreibtisch des Weißen Hauses einnehmen C L