Am 4. Juli jährte sich der 100. Todestag des französischen Staatsmannes und Schriftstellers François René Auguste Vicomte de Chateaubriand, der, mit der Entwicklung der napoleonischen Politik nicht einverstanden, bei dem Kaiser in Ungnade fiel. Er ging außer Landes, überlebte ihn um fast drei Jahrzehnte, erkannte früher als der geschmeidige Talleyrand das Ende des Kaiserreiches und sah die Revolutionen von 1830 und 1848 voraus. Neben Frau von Stael, mit der er die Opposition gegen Napoleon teilte, gehörte er zu den führenden Geistern der französischen Literatur, in der er der Erneuerer der Sprache rund Poesie war. Der letzte Brief seiner Mutter aus dem Kerker (sie starb darin, sein Bruder auf dem Schafott), in dem sie ihn bat, die Religion nicht zu verlassen, wurde der Anlaß, das Werk "Le gerne du christianisme" zu schreiben. – Im folgenden veröffentlichen wir einen Brief Jouberts, des "letzten" französischem Moralisten, der darin in bemerkenswert eindringlicher Psychologie eine Charakteristik Chateaubriands entwirft. Anlaß des Schreibens war, etwas für den verfolgten Feind Napoleons zu tun.

An Herrn Molé in Paris!

Ich möchte Ihnen ein paar Worte über unseren armen Chateaubriand sagen: Sicherlich hat er in seinem Werk "Geist des Christentums" manche Konvenieren verletzt und macht sich sogar wenig daraus; meint er doch, sein Talent zeige sich in seinen Seitenhieben noch besser... Er redet nicht mit sich, hört kaum auf sich, befragt sich nie, es sei denn, wenn er wissen will, ob der äußerlichere Teil seiner Seele – also sein Geschmack und seine Einbildungskraft – zufriedengestellt, sein Denken abgerundet, seine Sätze volltönend, seine Bilder treffend geraten sind ... und achtet dabei kaum darauf, ob all dies gut ist. Das ist seine geringste Sorge. Er spricht zu andern; für sie allein und nicht für sich schreibt er; an ihrem Urteil liegt ihm viel mehr als an seinem eigenen ... Sein Leben ist ganz etwas anderes. Das komponiert er oder, besser gesagt, läßt er auf ganz andere Weise sich vollziehen. Wohl schreibt er nur für andere, doch leben tut er nur für sich selbst. Er denkt keineswegs daran, Billigung, sondern seine eigene Befriedigung dabei zu finden. Er hat überhaupt keine Ahnung davon, was von ihm in der Welt Beifall findet und was nicht. Daran hat er sein Leben lang nicht gedacht und will es auch gar nicht wissen. Mehr noch: Da er nie daran denkt, andere zu richten, setzt er voraus, auch anderen fiele es nicht ein, ihn selbst zu richten. In dieser Überzeugung unternimmt er völlig selbstsicher, was ihm einfällt, und kümmert sich nicht im geringsten um sein Eigen-Lob und -Tadel.

Nun komme ich zu seinem erzieherischen Menschen: Als letztes Ziel seines Ehrgeizes nahm er sich anscheinend vor oder ließ er sich so vor Augen stellen, ein herzhafter Ehrenmann zu werden. Wenn Sie darauf achten, merken Sie: Die einzige erworbene Eigenschaft, die ihm nachdrücklich eingeprägt wurde und die er unabänderlich behielt, seine große Bedachtsamkeit, befähigt ihn besonders hierfür. So durchsichtig er von Natur ist, so zugeknöpft ist er aus Methode. Er widerspricht nicht und bleibt in allem ein Geheimnis mit sieben Siegeln. Bei seiner seelischen Offenheit behält er nicht nur die Geheimnisse anderer – das gehörte sich für jeden – sondern auch seine eigenen bei sich... Der besten Sache der Welt liehe er gern seine Feder, doch nie seine Zunge. Bei der Aussprache und Hingabe selbst im engsten Kreise widerspricht er seinen Freunden nur widerwillig, wo sonst einer gewöhnlich auf

Villeneuve-le-Roi, 21. Oktober 1803

Widerstand stößt. So sieht der gesellige Chateaubriand aus.

Dazu kommen noch einige Allüren des Grandseigneurs: Er liebt alles Kostspielige, verachtet das Sparen, kümmert sich nicht um seine Ausgaben, Mit einem Wort: er führt sich nach Art sehr freigebiger Leute in einem Alter wenig schön auf, wo man kein rechtes Verständnis mehr dafür hat; denn sein Charakter rechtfertigt es nicht zur Genüge, ist er doch arm und keineswegs reich geboren. Wohltätigkeit setzt eine praktische Denkart, Rücksichtnahme auf den Nächsten, Beschäftigung mit dem Los anderer und Absehen von sich selbst voraus. All das bekam er, wie mir scheint, nicht mit auf den Lebensweg, und er dachte noch weniger, es sich selbst anzueignen.