Von Rudolf Klutmann

Rudolf Klutmann, der Autor dieser Geschichte, lebt in Hamburg. Er wurde vor allem als Librettist bekannt.

Bei dem Polizei-Oberwachtmeister Heinz Knospenrink brach eines hellen Tages mitten im Dienst der religiöse Wahnsinn aus. So lautete wenigstens der Ausdruck im amtlichen Bericht. Der sonderbare Fall trug sich folgendermaßen zu: Knospenrink hatte seinen Stand als Polizist mitten auf dem verkehrsreichsten Platz, dort, wo sechs breite Straßen aufeinandertrafen. Ja, es hätte oft einen fürchterlichen und ganz sinnlosen Zusammenprall von Autos, Elektrischen, Radfahrern, Pferdefuhrwerken und Fußgängern gegeben, wenn nicht der Oberwachtmeister Knospenrink, ein stattlicher, hochragender Mann, im Schnittpunkt stehend, jedesmal im richtigen Augenblick die weißbehandschuhte Rechte in eine bestimmte Richtung aufgehoben und gleichzeitig auf einer Trillerpfeife schrill gepfiffen hätte. Eines Tages um die Mittagszeit geschah das völlig Unerwartete. Knospenrink hob die weiße Hand. Er hob sie ganz schnell in sechs Richtungen und pfiff dazu. Und der Verkehr stockte völlig. In den Zufahrtsstraßen stauten sich die Gefährte, und Menschen glotzten auf den Mächtigen, der in der Mitte stand und Halt gebot, das "Halt!", dem niemand zu trotzen wagte.

Totenstille trat ein, und Knospenrink setzte sich in Bewegung, lief furchtlos an der kreisrunden Front entlang und schrie in jedes Gefährt, in jedes Menschengesicht hinein: "Wo wollt ihr hin, wo ist eure Richtung?" Und dann lief er zurück zur Mitte des Platzes und reckte die Rechte mit dem weißen Handschuh und rief, die Blicke zum Himmel richtend: "Dorthinauf ist eure Richtung!" Und pfiff und gab das Signal nach allen Seiten, daß sich Menschen und Gefährte zugleich in Bewegung setzen sollten.

Da war es klar, daß der Oberwachtmeister Knospenrink vom Wahnsinn befallen war. Die Wagen stockten und Hunderte von Fußgängern strömten auf dem Platz zusammen. Beamte umringten Knospenrink, der völlig entrückt zu sein schien. Ein Fragen, ein Gestikulieren, ein Schreien, ein wilder Strudel. Schließlich versuchten noch einige Ekstatische, den Wahnsinnigen auf die Schulter zu heben. In der Mitte von schützenden Beamten wurde der Bedauernswerte schnell zu einem Auto gebracht. Das Auto fuhr von dannen. Ein Ersatzmann trat in die Mitte des Platzes. Der Verkehr strömte wie gewöhnlich.

Heinz Knospenrink kam in eine psychiatrische Klinik, aber da die Diagnose auf "gänzlich ungefährlich" lautete, stand seine Entlassung bald bevor. Allerdings, in den Dienst konnte er nicht zurück. Es war immerhin Wahnsinn.

Am Portal der Klinik standen Tag und Nacht Menschen, zwei Männer und drei Frauen. Sie schienen abgelöst zu werden.