Zu jener vergangenen Zeit, war Werner Finck vorlaut und jung. Und es war wirklich etwas wie das Quellwasser des modernen Kabaretts, das am Ort seines Wirkens, der Berliner "Katakombe", sprudelte. Heute ist Finck nicht der Allerjüngste mehr, aber das Vorlaute ist ihm geblieben. Und in Stuttgart ist neuerdings sein Ruhm-wieder emporgestiegen. Eine Treppe hoch in der Tübinger Straße – im selben Haus, wo das Wunder der Gründung eines internationalen, zu gleichen Teilen deutsch und amerikanisch betonten, sehr munteren, zwanglosen Klubs sich begab – dort hat Finck jetzt ein eigenes Theater. Er taufte es "Die Mausefalle", und dem Innenarchitekten ist der Trick von Drehstühlen eingefallen, die es dem Publikum mühelos gestatten, sich mit Kopf und Kragen von der Bühne abzuwenden. Im Eröffnungsprogramm allerdings hatte niemand Ursache, den Schwung des Drehstuhles anders zu benutzen, als in seitlicher Bewegung dem Spiel der Darsteller nachzugehen.

Darsteller statt Kabarettisten? Man darf annehmen: Werner Finck ist die übliche "Masche", die in den städtischen Wald- und Wiesenkabaretts (wenn solche gegensätzliche Wortbildung erlaubt ist) gestrickt wird, gründlich leid. Er führt diesmal die Figur des Conférenciers in allen Varianten dieses gängigen Typs ad absurdum. Und da Fincks Technik die der unvollendeten Sätze ist, geht er sozusagen einen Schritt weiter. Er erfüllt ein ganzes Ensemble mit seinem Geist und läßt Fräuleins und Männleins das Steckenpferd der andeutenden Hintergründigkeit reiten. Er spielt nicht nur so etwas wie Theater, er spielt mit dem Publikum. Gesetzt den Fall: ein kabarettistischer Regisseur probiert mit seinem Ensemble eine Spielfolge – denn dieser Fall ist gesetzt –, welche Möglichkeiten ergeben sich da, die Realitäten zu vertauschen, aus der Wirklichkeit der vorgestellten Bühnenprobe mitten hinein in die Vorstellung des Abends zu springen und umgekehrt. Welche Gelegenheiten, aus der Rolle zu fallen, für alle Mitglieder des Ensembles, speziell für Werner Finck, der das Aus-der-Rollefallen ohnehin zu seiner Spezialität erhob. Diesen Mann, der mit den Grillen seines Spottes anderer Leute bösartige Grillen tötet, für weiter nichts als einen Kabarettisten zu halten, wäre sehr verfehlt. Er ist halb ein Satiriker, dem der Sarkasmus "ohne Rücksicht auf Verluste" auf der Zunge brennt, halb ein Denk-Spötter wie Sternheim ein Denk-Spieler war. Wenn noch eine Hälfte übrig wäre, würde man ihn außerdem einen mit humoriger Pädagogik begabten Philosopher, nennen dürfen. – Diesmal hatte er als erste Kräfte seiner Helfer die berlinisch witzige, elegante Herta Worell auf dem Programm. Und wenn ein Finck einen Star besitzen darf, so besaß er ihn mit Elsi Attenhofer, einem mit allen Wassern der Kleinkunst gewaschenen, mit bezaubernder Intelligenz ausgestatteten Gast vom Züricher Kabarett "Cornichon".

Die Stuttgarter saßen in der "Mausefalle", waren sehr gefangen und sichtlich zufrieden, daß sie, indem sie Finck ein eigenes Theater gaben, ihrerseits einen Vogel fingen, um den manche Stadt sie benieden dürfte. M–r.