Als die drohende Geldreform die "Preußen zu Zehntausenden hastig ihre Koffer zu packen, als der Bahnhof Garmisch-Partensuchen 20 000 Fahrkarten innerhalb weniger Stunden verkaufte und die Reichsbahndirektion München Sonderzüge einlegen mußte, um die Währungsflüchtlige befördern zu können, wurden den abwandernden "Nordlichtern" etliche bayerische Schüsse nachgefeuert. In den Kanonendonner der teils schadenfrohen, teils um die künftige Entwicklung des Fremdenverkehrs besorgten Pressemeldungen mischte sich auch ein amtlicher Bombenschlag. Dr. Alois Schlögl, der Münchner Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, bezifferte die zwischen dem 18. und 23. Juni Abgereisten auf 113 verglich diese Zahl mit der geringen Menge von 13 793 polizeilich gemeldeten Fremden und aus der Gegenüberstellung den Schluß, die nicht gemeldeten neunzig Prozent hätten durch Ankauf gefälschter Marken und durch Kompensationen Bayern "ausgekauft".

Zugegeben – der Eintausch bayerischer Landprodukte gegen außerbayerische Industrieerzeugnisse hatte alarmierende Formen angenommen. In den Kurorten des Alpengebiets lebte auf Camel-Basis eine Kategorie von Dauergästen, die selbst den gut verdienenden Hoteliers nicht, ausgesprochen sympathisch und geheuer war. Viel Ware, davon in erster Linie Nahrungsmittel, trat die Reise nach Norden oder Westen an Aber – selbst wenn es sehr viel Ware gewesen wäre, bliebe das Ministerwort vom "Aufkauf Bayerns" eine starke Übertreibung.

Dr. Schlögl lenkt die Landwirtschaft und die Ernährung. Damit befindet er sich in der Zwangslage, ständig zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Sagt er Landwirtschaft, so schaut er auf Bayern.

Solange er keine Verantwortung zu tragen hatte, ist Dr. Schlögl in Wort und Schritt die bizonalen Fehler zu Felde gezogen. Solange er nach dem Ministersessel strebte, hat er seinen Bauern allerlei versprochen, nicht zuletzt die zur Gefolgschaftstreue verpflichtenden besseren Preise. Aber der Minister durfte nicht mehr tun, was der Generalsekretär getan hatte. Um seine Ernennung zu rechtfertigen, mußte er in Frankfurt eine Politik des ,,appeasements" betreiben. Wo sein Vorgänger opponiert hatte, begann er zu verhandeln, und er erreichte erstaunlich viel dabei: den Verzicht auf die nachträgliche Begleichung unerfüllter Lieferungen, die Austilgung der letzten Spuren des Kartoffelkrieges, die Gleichartigkeit der Rationssätze in der Doppelzone, den Wegfall der über Bayern wegen mangelhafter Ablieferung verhängten Sanktionen, die Errichtung von Ernteschätzkommissionen unter Mitwirkung der Militärregierung, Frankfurts und Bayerns, die Aufstellung einer einzigen, für alle Beteiligten verbindlichen Statistik und schließlich in Bayern selbst die Errichtung des Ernährungsbeirates, der dem Ministerium die stetige Fühlung mit den Verbrauchern sichert.

So sehr jedoch das alles der Zusammenarbeit zwischen den bizonalen und den bayerischen Behörden zugute kam und dienlich es dem Ansehen Bayerns in Frankfurt war – auf die Dauer vergrämt es die Bauern, die nicht sehen, daß die Erfolge des Ministers ihnen Erleichterungen bringen. Sie wollen einen Mann, der nicht nur in Bayern, sondern auch in Frankfurt laut ist. Baumgartners Faustschläge auf das Rednerpult waren Musik in ihren Ohren. Wenn er nicht zahm und nachgiebig erscheinen will, muß Dr. Schlögl diesen Wünschen Rechnung tragen, und da ihm das gefällige piano in Frankfurt wichtig ist, wird er in Bayern zuweilen lauter als erforderlich.

Der Schuß mit dem "ausgekauften Bayern" gehört in die lange Reihe solcher Lautverstärkungen. Voraufgegangen sind, um die lautesten zu nennen, die Behauptung, die Lebensmittelkartenfälschungen hätten die Unordnung der bayerischen Ernährung auf dem Gewissen und frühen, weil kommunistischen Ursprungs, politischen Charakter, sowie die Erklärung, noch während der Währungsreform seien in München die ersten falschen Deutschmarknoten geachtet worden. Wie in diesen beiden Fällen, sosind auch im vorliegenden dritten die Worte pathetischer als die Tatsachen.

Ein wenig zu deutlich ist jedesmal die Absicht, die Mängel in der Erzeugung und der Versorgung Einflüsse abzuwälzen, die sich den Kompetenzen des Ministeriums entziehen. Niemand verübelt Dr. Schlögl, daß er bei den Bauern für retten will, was seine friedfertig Frankfurter Politik bei so kampfgemuten Leuten zu retten übrig läßt. Doch wenige sind damit einverstanden, daß er seiner Bauernpolitik inliebe alles wieder umstößt, was er zur Festigung der guten Stimmung eben aufgerichtet hat.

Kurt Gelsner