In einem Punkt werden die Protestnoten der Westmächte in jedem Fall ihr Ziel verfehlen: in der Absicht, der Sowjetunion das Eingeständnis abzunötigen, daß die Blockade der Berliner Westsektoren eine inhumane Waffe sei. Moralische Momente, auch wenn es sich dabei um die Aushungerung von 2,4 Millionen wehrloser Zivilisten handelt, sind für die Praktiken eines totalitären. Regimes kein Argument. Um so gelegener wird den Sowjets die in den Noten erneut und in aller Breite angeschnittene Erörterung der Legalität sein, kraft deren die USA, Großbritannien und Frankreich ihren Platz bei der Viermächtekontrolle der früheren deutschen Reichshauptstadt behaupten. Dies könnte ihnen trotz der ausdrücklich festgelegten Beschränkung auf den Streitfall Berlin das erstrebte Gespräch „auf höchster Ebene“ über das gesamte Deutschlandproblem eröffnen, das seit London unterbrochen ist. Das Stichwort Währungsreform allein würde für eine mögliche Ausweitung der Diskussion,genügen: von dort ist nur ein Schritt zur Frage der Einheit Deutschlands. Sie wieder schließt das besondere sowjetische Anliegen der Demilitarisierung – Ruhrkontrolle und Reparationen aus laufender Produktion –‚ das nicht zufällig der Hauptpunkt im Kommuniqué der Warschauer Außenministerkonferenz war, automatisch ein.

Das also dürfte der entscheidende Trumpf sein, den die Sowjets in der Hand zu haben glauben. Es besteht kein Zweifel, daß sie sich bislang in der Offensive fühlten. Sie werden alles daransetzen, den Vorsprung, den sie auf ihrem Weg nach Westen haben, nicht wieder abzugeben: entweder Rückzug der Westmächte aus Berlin und damit freie Hand für einen deutschen Oststaat sowie Konsolidierung ihrer Westgrenze oder aber über die Beteiligung an der Ruhrkontrolle die Desorganisation des westeuropäischen Wiederaufbaues. Die „Luftbrücke“ zur Versorgung Berlins, deren „humanitärer Charakter“ in den Noten unterstrichen wird, ist darum längst keine Frage des bloßen Prestiges mehr. Sie ist auch bei aller „kriegsmäßigen“ Präzision in der Durchführung mehr als eine Demonstration. Die Unbeugsamkeit der Berliner gegenüber dem östlichen Druck ist über den Bereich der moralischen Verpflichtung für die Westmächte zu einem politischen Faktor geworden, dem keine geringere europäische Bedeutung zukommt als seinerzeit den Wahlentscheidungen Italiens und Finnlands.

Die Wirksamkeit der drei Protestnoten auf dem Hintergrund der eindrucksvollen Lufthilfeoperationen wird erweisen, ob es den Westmächten gelingt, das Gesetz des Handelns an sich zu reißen. Noch stehen ihre sämtlichen Maßnahmen im Zeichen der Reaktion auf die sowjetischen vollzogenen Tatsachen. Nicht umsonst wurde in den britischen Zeitungen wiederholt die Frage aufgeworfen, ob überhaupt ein Plan und welcher für die nächste Zukunft der Entschiedenheit der westlichen Gegenmaßnahmen zugrundeliege. In amerikanischen Blättern spart man nicht mit Vorwürfen gegen Roosevelt und Truman. „Die außerordentlich ernste internationale Lage“, die, wie es in den Noten heißt, durch den Kampf um Berlin entstanden ist, ist die Summe aus den Fehlern und Versäumnissen der letzten Jahre, Jetzt erst debattiert Washington plötzlich mit ostentativer Eile die militärische Garantie für die Westblockstaaten, einschließlich Kanada. Feldmarschall Montgomery feierte in Paris als Chef des Empire-Generalstabs die Bündnistreue Englands und Frankreichs mit einer Absage an einen „Frieden um jeden Preis“. Die Sowjets aber sind Realisten. Sie werden diesen Preis schon längst in ihre Rechnung eingesetzt haben. Das Fiasko des Kominform gegenüber Tito, die pro-westlichen Demonstrationen auf demPrager Sokolnfest, die Rückschläge des Rebellengenerals Markos, der erneut akut gewordene Triestiner Konflikt, nicht zuletzt auch der in Warschau erhobene Protest der Ostblock-Außenminister gegen einen SED-Oststaat werden daran zunächst nichts ändern. Die Entscheidung bringt der nächste Schritt des Westens; er ist noch nicht zu erkennen. Nur das eine steht schon jetzt fest: Berlin darf nicht der Preis für den Frieden sein. –sé.