Von Hanns Braun

Ein mehr ironischer als artiger Zufall hat es gewollt, daß die Ureinführung der Deutschmark in München von Uraufführungen der Theater zahlreich garniert war. Während wir noch nicht absehen, ob das Drama „Währungsreform“, das auf der politisch-wirtschaftlichen Bühne in Szene ging, ein Trauerspiel, ein Moral play oder, um mit Polonius zu reden, eine Tragiko-Komiko-Historiko-Pastorale heißen wird, können wir desto genauer feststellen, was auf den guten alten „Brettern“ vorgegangen ist in den Tagen, da der Zustand chronischer Ausverkauftheit jäh zu Ende ging und Ausverschenktheit oder Ferien die Brücke zum wieder Normalen schlagen mußten.

So „alt“ waren jene Bretter übrigens gar nicht alle. Kurz vor dem Stau- und Stichtag wurde ein nagelneues Miniaturtheater in der Nähe des ‚Hauses der Kunst‘ eröffnet, von seinem Initiator und Leiter Martin Hellberg „Dramatisches Theater“ getauft und mit einem wirklich dramatischen Lope de Vega („Dieses Wasser trink ich nicht“) eingeweiht. Und just am Abend der Extrablätter, welche die große rigorose Gesundungspleite ankündigten, war große Festvorstellung im wiederhergestellten „Theater am Gärtner platzt womit die (staatliche) Operette – dank rührenden Aufbauanstrengungen der von theaterverliebten Münchner Firmen unterstützten Belegschaft – jetzt das schönste, bestausgestattete Theater der Isarstadt innehat. Ein bisserl gespenstig war es trotzdem, jenes ominöse Extrablatt in der Hand, aus der Pause in die „Nacht in Venedig“ und zu Johann Strauß zurückzutauchen (so weit zurück!). Und wenn einen drüben im neuen „Dramatischen Theater“ bei Lope und stärker noch bei Ebner L. Rice („Die Rechenmaschine“) Sorge befallen hatte, wie dieses Theaterchen sich je auszahlen solle, nötigte einem der mehrrangige Staatsbau am Gärtnerplatz die Frage ab, wie diese langen Reihen und Ränge künftig möchten zu füllen sein. Doch hat es die Operette da vergleichsweise besser: auch sie ist ja „Traumfabrik“, und die Kinos, diese wahren Lagerplätze der Volksgunst, sind in München noch oder schon wieder gut besucht.

Auch die Uraufführung, die in der hochkritischen Kopfgeldwoche im Volkstheater (Bayrischer Hof) startete, war es. Bei Premieren ist das kein Kunststück; die Dienstplätze nehmen dem Theater zwar den Verdienst, machen es aber wenigstens voll. Außerdem hatten die Münchner städtischen Bühnen die großzügige Vorsicht walten lassen, für die Kopfgeldwoche den Vorverkauf noch zu „altem“ Geld zu gestatten (und sogar ein Abonnement vorzukaufen), was auch wirtschaftlich klug gewesen sein dürfte, wie ja so oft das Großzügige. Im Prinzregententheater (Staatsoper), wo man so elastisch nicht hat verfahren können oder wollen, wären nurmehr knappe Hundertschaften einpassiert, die aber, wie mir ein mitwirkender Kammersänger versicherte, mit Riesenbeifall nicht bloß die Leere wettzumachen suchten, sondern darin offenbar auch ihre Freude ausdrückten, seit Jahren zum erstenmal wieder regulär, als geachteter Zahler, zu einem Opernbillett gekommen zur sein. Das nenn’ ich Treue! –

Indessen, auch von der Überbrückungsvorsicht abgesehen, wird das Volkstheater um Besuch vermutlich nicht zu bangen brauchen. Denn das uraufgeführte Stück von Annemarie Artinger hat es in sich. Es ist ein Münchner Stück und ein Zeit- und Zuckerstück dazu, was man schon am Titel merkt; denn es heißt: „Q. K. Mama“. In der Tat spielt es in einer stark ami-besuchten Münchner Kleinbürgerfamilie und zieht aus dieser Situation allerhand herz- und magenwärmende Wirkungen. Aber wie diese gesetzt werden, das darf man geradezu ein Muster gerechter Verteilungsdramaturgie nennen! Kriegt justament der Amerikaner was drauf, gleich fällt der Watschenbaum für die Bajuwaren selbst, und auch die Preußen, die als hochwichtige Mädchen mit herber, aber hübscher Schale, als Kriegsheimkehrer und gute Kameraden auftreten, werden nicht etwa bloß gefrozzelt, sondern tun es auch selber weidlich, so daß denn am Ende des Ganzen nach abwechselnd rührenden und komisch-drastischen Episoden sich sämtliche Stämme, Kontinente und Herzen „zusammengerauft“ haben (wie man auf bayrisch sagt) – ein Erfolg, den man der hohen Politik bislang vergeblich anwünschte. Nun, bei Frau Artinger geht es. Sie zeigt demonstrativ und mit viel Witz und Humor, daß es geht und wie man sich dabei anstellen muß. Und wenn auch (zum handlichen Bewegen der Vorgänge) das Prinzip des „Nachtigall, ick hör dir loofen!“ arg strapaziert wird, wenn auch Lachmuskeln und Tränendrüsen einem sehr genau berechneten Exerzierreglement unterworfen werden, so wäre es doch verrückt, diesem unbekümmerten Theaterhandwerk böse zu sein dafür, daß es nicht mehr ist als eine wirkungsvoll gemachte Situationskomödie im Glanz bewährter, dafür aber auch nie versagender. Zünder. Willem Holsboer hat sie alle, schön reihum losgehn heißen, und weiland Karl Valentins Partnerin, Liesl Karlstadt, hat die Okay-Mama derb, herzlich und pfiffig auf die Bühne gestellt, nach der unverwüstlichen Volkstheaterweise.

Tags darauf, am Schluß der nächsten Uraufführung – diesmal im staatlichen „Theater am Brunnenhof“ – bezog sich ein witziger, aber nicht ganz befriedigter Besucher noch einmal auf Frau Artingers Stück. „Gestern“, sagte er, „Okay Mama! Heut: O weh Papa!“ Das Schauspiel, das sich so untertitulieren lassen mußte, hieß in Wahrheit „Anno Domini nach der Pest“, stammte von einem in England lebenden deutschen Emigranten namens Julius Vogel und entpuppte sich des weit zurückweisenden Titels ungeachtet, als ein Emigrantenstück aus unsern Tagen. Mit schmerzlichen Vatergefühlen hatte es insofern zu tun, als der Held der Geschichte, der Emigrant Robert Kammacher, nicht darüber hinwegkommt, daß er einst feigerweise den Hilferuf seiner jüdischen (verheirateten) Freundin, ihren und seinen Sohn Gabriel vor dem KZ bewahren zu helfen, unerwidert gelassen hatte, und daß er jetzt, in England, als ihm der Zufall einen schiffbrüchigen jungen Palästinafahrer ins Haus bringt (der Gabriel heißt, im KZ war, sich an nichts erinnert und gerade darum Roberts verschollner Sohn sein könnte), den quasi Wiedergefundnen nicht zu halten vermag.

Das Stück ist interessant nicht durch das, was es sein könnte, sondern eben damit, daß es etwas ganz anderes ist. Denn der junge Gabriel geht nicht bloß darum fort, weil ungesellig-grausames Vorleben und vergeltungswütige Ressentiments ihn aus jeder gesicherten Familiarität hinaustreiben, sondern auch, weil er instinktiv richtig fühlt, daß Roberts angestrengter Vaterkomplex dicht eigentlich opferbereite Liebe zum Sohne ist, sondern dem verwundeten Stolz entstammt, der sich die befleckte. Niedrigkeit von damals nicht verzeihen kann. De facto haben wir es hier mit der Tragikomödie der Skurpulanz zu tun – in all ihren typischen Verhaltungsweisen, deren entscheidende ist, daß der in sein Schuldgefühl Verbissene gar nicht davon befreit und geheilt werden will. Munter quält er sich und andere, schlägt das liebende Helfen der Gattin (Maria Wimmer) ebenso aus wie die vernünftigen Einreden des jüdischen Freunds aus London (Heinz L. Fischer), und füttert so, mit bitter würzigen Brühen selbstverordneten Leids, das liebe Ich (Hans Lossy).