Etwa 20 Millionen Deutsche wohnen in der Sowjetzone. Sie scheinen zu schweigen. Zu allem, was in den letzten Wochen um Deutschland und Berlin geschieht. Die deutsche Öffentlichkeit aller westlichen Landesteile, die Politiker föderalistischer und zentralistischer Färbung, die erklärten „Preußenfeinde“ und die Gleichgültigen – sie haben angesichts der sowjetischen Blockade Berlins gesprochen, mehr noch: gehandelt. Sogar die Politik der Regierungschefs, die Politik der deutschen Parteien konzentrierte sich mit seltener Einmütigkeit auf das Thema Berlin. Die Solidarität der gemeinsamen Gefahr stand sichtbar im deutschen Raum. Aber der Ozean der sowjetischen Zone, der das hart bedrängte Eiland Berlin umströmt, schwieg dunkel.

Das Schweigen ist dort seit langem Gesetz. Auch die Parteien müssen schweigen, weil sie wissen, daß Berlin der „Fall Nummer 1“ der Besatzungsmacht ist, deren „Lizenz“ sie haben. Nichts verrät, daß die Zone in diesen Wochen erfüllt ist von dem Fall Berlin, der zum Weltfall geworden ist. Im Gegenteil: in den Zeitungen erscheinen Nachrichten über Berlin erst an ganz unwichtiger Stelle.

Wer einmal die Zeitungen Moskaus und Leningrads in diesen Tagen zur Hand nimmt und sie mit den Zeitungen der Ostzone vergleicht, wird die unheimliche Verwandlung begreifen, die dieses deutsche Land, wenigstens dem Scheine nach, in den drei Jahren seit 1945 durchgemacht hat. Der Zweijahresplan der SED, nicht mehr als ein Soll-Programm von Ziffern und Schätzungen, füllt die Spalten. Resolutionen, über Resolutionen mit fast den gleichen Worten und selbstverständlich den nämlichen Argumentationen sind das politische Nachrichtenmaterial für diese 20 Millionen. Ihnen wird die Illusion eines friedlich sich entwickelnden Landes vorgespiegelt. Das eigentliche Dasein ist in den Hintergrund des großen Schweigens gedrängt.

Die 20 Millionen der Ostzone wissen natürlich, was der Fall Berlin wirklich bedeutet. Und die Besatzungsmacht, die ihre Faust über dieser stummen Zone hält, weiß, daß die Gedanken der 20 Millionen sich durch das Rankenwerk der Erfolgsziffern und Plandiagramme durchwinden zu der Hoffnung, daß der Kampf um Berlin eindeutig im europäischen Sinne entschieden werde. Daß sie heute stumm sind, wird niemand, der diese große Auseinandersetzung versteht, als Gleichgültigkeit auffassen. Ihr Schweigen schreit mit millionenfacher Kraft zu denen hinüber, die um Berlin kämpfen. Und jeder sollte wissen, daß die Aufgabe Berlins das Abschreiben der Ostzone bedeutet. Berlin gewinnen aber, heißt Deutschland gewinnen und im besonderen die Ostzone. K. W.