Das Bild der vorübergehenden sozialen Gleichstellung, wie wir es in der ersten Phase der Währungsreform erlebten, war allzu utopisch, Indes, diese Utopie hat offenbar genügt, um einer psychologisch äußerst bedenklichen Täuschung Vorschub zu leisten. Die breite Öffentlichkeit sieht, im Schatten der persönlichen Sorgen jedes einzelnen, nur die allgemeine Verarmungsebene, die der Währungsschnitt bloßgelegt hat. Die tatsächliche soziale Verschiebung, die sich unterhalb dieser Scheinnivellierung vollzieht, erkennt sie noch nicht.

Der ebenso häßliche wie unverbindliche Sammelbegriff „Währungsgeschädigte“, um den unser Kriegs- und Nachkriegssprachschatz in diesen Wochen bereichert wurde, gibt nur eine ungefähre Vorstellung. Wer überdies wollte ihn nicht für sich in Anspruch nehmen? Die nüchterne Wirklichkeit, die sich hinter diesem Wort verbirgt, verzeichnet aber mehr als erlittene Schäden. Die Zugehörigkeit zur Gruppe der „Währungsgeschädigten“ bedeutet für eine große Masse all derer, denen die Geldoperation ihren letzten wirtschaftlichen Rückhalt genommen hat, daß ihnen als der einzige Ausweg aus der Not heute oder morgen nur der Weg zur Wohlfahrt bleibt, Diese Entwicklung kann nicht ernst genug genommen werden. Besonders tragisch ist die Lage der alten oder arbeitsunfähigen Flüchtlinge, der Ausgebombten, Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen, die ohnehin zu den härtest betroffenen Opfern des – letzten Krieges zählen. Hinzu kommt die große Zahl der Kleinrentner und selbständigen Sparer, die jetzt auch ihrer letzten Notgroschen verlustig gegangen sind. In all diesen Fällen sind die Möglichkeiten der privaten Selbsthilfe, mittels deren sich die meisten von ihnen bisher notdürftig über Wasser hielten, so gut wie erschöpft. Auch das gewiß, trübe Kapitel der „Raucherwohlfahrt“ gehört hierher. Unter denen, die am Rande des Schwarzen Marktes vom Erlös ihrer Raucherkarte lebten, befanden sich nicht zuletzt auch viele Flüchtlinge und Kriegerwitwen, die jetzt auf dem direkten Wege der Allgemeinheit zur Last fallen werden,

Bisher griffen in den letzten drei Jahren vorsorgliche Schätzungen der Wohlfahrtsämter zweimal zu hoch: unmittelbar nach der Kapitulation und nach jener Streichung der Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenenrenten, die erst im August vorigen Jahres rückgängig gemacht wurde. Diesmal können die Schätzungen nicht hoch genug veranschlagt werden. Es liegen zwar seit geraumer Zeit beim Zentralamt für Arbeit verschiedene Referentenentwürfe vor, die eine Korrektur der Sozialversicherungsdirektive 27 vorsehen, auf Grund deren seinerzeit die ungewöhnlich niedrigen Richtsätze, vor allem für die Hinterbliebenen, festgelegt worden sind. Die Rücksicht auf die inzwischen gestiegenen Lebenshaltungskosten und die deshalb erfolgte Lohnerhöhung um 15 v. H. müßte dabei ins Gewicht fallen. Um so weniger ist einzusehen, warum man die Entscheidung unnötig hinauszögert. Die allgemeine Notlage zwingt zu äußerster Eile. Das gilt auch für die Sonderverfügung, durch die bereits vor mehr als vier Monaten die Länderregierungen seitens der Militärgouverneure der Doppelzone ermächtigt wurden, ehemaligen Offizieren, die über 65 Jahre alt oder zu zwei Drittel arbeitsunfähig sind, und Offizierswitwen über 60 Jahre einen Unterstützungsbeitrag zwischen 100 und 160 Mark zu gewähren. Bislang hat noch kein Land von dieser Freiheit des Handelns Gebrauch gemacht. Aber auch hier tritt die Not jetzt mit der, gleichen erschütternden Kraßheit zutage wie bei allen durch die Währungsreform endgültig sozial Deklassierten. Politische Bedenken haben jetzt zurückzustehen. Das wirtschaftliche Elend hat auch hier die Verhältnisse nunmehr in ein rein sozialpolitisches Licht gerückt.

Die Öffentlichkeit hat die Pflicht, der drohenden sozialen Katastrophe so schnell wie möglich Rechnung zu tragen. Unbegreiflich viel Zeit, vor und nach dem 20. Juni, ist schon versäumt worden. Die großen Wohlfahrtsverbände sehen sich bereits, nachdem der Frankfurter Wirtschaftsrat ihre vor der Währungsreform angemeldete Forderung von 50 Mill. Neumark nicht hat erfüllen können, vor unübersehbaren Schwierigkeiten. Die Vertröstung auf den Lastenausgleich zielt angesichts der Bedrängnis, in die Millionen völlig Verarmter über Nacht geraten sind, an der Wirklichkeit vorbei. Was jetzt gefordert werden muß, ist die Mitverantwortung aller. Lord Pakenham sagte einmal, die Deutschen seien zu hart mit einander. Dieses bittere Wort hat einen aktuelleren Sinn denn je. –se