Von Ernst Kreuder

Wilhelm Lehmanns Prosa, wie sie in „Verführerin, Trösterin und andere Erzählungen“ (Lambert Schneider, Heidelberg) genossen und studiert werden kann, bedarf des nicht üblichen Lesers. Sie mutet zunächst eigenwillig an, doch wer sich ihr vertraut, erfährt bald, daß sie von einer behutsamen, ja demütigen, Genauigkeit des Ausdrucks ist. Diese Genauigkeit wirkt nicht trocken, denn die Sprache bleibt immer bewegt, oft klingend, bildhaft; der liebenswerte und bedeutende Lyriker verrät darin seine Herkunft.

Mit dem Appell an den nicht üblichen Leser ist eine Haltung des Lesens gemeint, die den dilettantischen vom vorbildlichen Leser unterscheidet. Der Lesedilettant liest eine Erzählung bei aller Aufmerksamkeit doch obenhin, weil er den Handlungen folgt, die ihn anziehen oder fesseln. Der anspruchsvolle Leser ist nun nicht unempfindlich gegen den Reiz der Ungewißheit und Spannung, doch sucht er diesen Effekt nicht unbedingt. Er ist vor allem der Anmut, der Unbestechlichkeit, der immateriellen Intensität der Sprache zugewandt,. Eigenschaften, mit denen Lehmann die eigentliche Bemühung der Prosa ausweist, nämlich den im Grunde unmöglichen Versuch, ein Mysterium zu deuten. Dieses Mysterium ist hier nicht mehr und nicht weniger als die dem Erleben widerfahrende Wirklichkeit des Lebens, im weitesten Sinne der Anschauung. Wilhelm Lehmann ist kein Erzähler in der üblichen Bedeutung, denn er vermag es nicht, von allen Vorgängen des Daseins, das ihm die unübersehbare, unausschöpfbare Fülle bedeutet, gewissen Ereignisen, die nur den Menschen betreffen, den hinlänglich bekannten Vorrang zu geben. Nicht weil ihm eine solche Bevorzugung widerstrebte, sondern weil sie sich für ihn nicht ergibt.

Seine Anschauung ist nicht nur unvoreingenommen, sie ist unbeirrt, gleichsam, lauschend, auf den Grund der Erscheinungen gerichtet. Dieser schauend Lauschende übernimmt keine bisherige Art des Sehens. Er sieht, er erlebt noch einmal von Anfang an, unschuldig neu. Jean Paul hat wiederholt das Wesen des Genies beschrieben, am zutreffendsten vielleicht dort, wo er sagte: „Das erste und letzte Kennzeichen des Genies ist eine neue Anschauung des Universums.“ Kennzeichen – mit diesem Wort ist nicht unmittelbar eine Wertung ausgesprochen, zunächst nur eine Unterscheidung. Der Erzähler im hergebrachten Sinne beabsichtigt, nach Möglichkeit das „Unerhörte“ zu berichten und darzustellen, das sich unter Menschen zugetragen hat. Wie nun, wenn Wilhelm Lehmann das Unerhörte oder die Erscheinungen des Wunders in Vorgängen begegneten, die den Menschen überhaupt nicht meinen, die nichts von seiner Existenz, wahrnehmen können, die außerhalb seiner Wünsche liegen – verschiebt sich dann nicht das gewohnte Maß?

Dieses Maß hat Wilhelm Lehmann auf seine Weise tief verändert. Wenn einst der Mensch als das Maß aller Dinge angesehen werden konnte, so finden wir in dieser klugen, beherzten und fühlerhaft die Wirklichkeit austastenden Prosa die Umkehrung: Die Dinge sind das Maß des Menschen. Nun aber Dinge im Sinne des Ganzen, der ganzen Wirklichkeit, so daß es genauer hieße: Die Wirklichkeit ist das Maß des Menschen.

Damit ist der Erzähler Lehmann moderner, als es zunächst den Anschein haben kann. Es ist längst bekannt, daß moderne europäische und amerikanische Autoren sich zusehends der Dramatisierung mythologischer Stoffe zugewendet haben. Wilhelm Lehmann ist nur einen Schritt weiter gegangen. Er hat den mythischen Bereich der Wirklichkeit wiedergefunden. Zu seiner Eigenart gehört es, daß er diesen mythischen Bezirken in der außermenschlichen Wirklichkeit nachspürt. In seinen Erzählungen kommen trachtende und betrachtende, planende und sinnende Gestalten vor, die genau und mit scharfem Blick oft charakterisiert sind. Doch kommt der bereitwillige und geduldige Leser nicht mehr los von dem unerwarteten Eindruck, daß diesen Menschengestalten, die uns interessieren und mitunter als ungewöhnlich anmuten, etwas Vordergründiges, ja Vorläufiges anhaftet, ein Prädikat, das ihnen nicht der Autor erteilt, der uns ihr Bild vermittelt; sie erteilen es sich gleichsam selbst: Der Autor läßt nur die unfaßliche Weite und Fülle des Hintergrundes in seine Schilderungen hereinfluten. Dieser Hintergrund ist nicht die Natur, wie wir sie kennen, ob aus der Kenntnis oder aus der Impression, sondern die vom Dichter mythisch erlebte Natur.

Wenn F. G. Jünger in seinen „Griechischen Mythen“ erkennt, unser heutiges Denken sei nicht mythisches Denken, sondern Denken über die Mythe, so dürfen wir bei Wilhelm Lehmann vermuten, daß ihm eine Art mythischen Schauens eignet. Wie behutsam, weil wissend, geht dieser Dichter in seinen Geschichten mit dem Wind um, mit der Luft, mit dem Regen. Ihm wurde das Wasser wieder unbegreiflich. Die Erde ist ihm wieder un-verständlich geworden. Angesichts der Fülle der wirkenden, waltenden Wesenhaftigkeit des Draußen, das wir gewohnt sind, das Freie zu nennen, die Natur, die Landschaft, Bäume, Grashalme, Steine, Gewässer, Sträucher und Blüten, angesichts dieser Fülle möchte er verzweifeln, wenn er der Unmöglichkeit seiner Aufgabe inne wird, das immerzu Veränderliche, Vergängliche, in Farben Schwebende, in Geräuschen und Gerüchen Verwehende dem sprachlichen Ausdruck einzuverleiben, das Wort mit ihrem Wesen zu beseelen. Oft, scheint es, ist er bei aller Ruhe der inneren Spiegelung eines ihn bedrängenden Draußen, der grünen Bezauberung, viel zu erregt, weil in der Beglückung verwirrt und verloren, um die Besinnung zu erlangen, die nötig bleibt, die zulänglichen Entsprechungen der Sprache zu finden, die erschöpfende Deutung mit dem Wort zu erreichen. Er gerät in Gefahr, unterzugehen. Wohin? In den Augenblick, darin ihm die „zweite Wirklichkeit“ erscheint, das Numinose, die Zeichen, das Unverlierbare, die mythische Mitte der Zeit.

Nach einer Literatur, die vor Menschen die größere, die ganze Wirklichkeit nicht mehr sah, welche Beruhigung, Erquickung, welche Einkehr in die Nähe des Immerwährenden, darin sich Weltweite in einem kosmischen Sinne ebenso offenbart, wie sie unser Verhalten bestimmen könnte im Angesicht einer wieder gestirnhaft erlebten Wirklichkeit: zu der schuldlosen Liebesempfindung allem Erschauten gegenüber, das uns in seiner reinen Beseeltheit, in seiner unendlichen Verschollenheit bezaubert!