Die Neigung Moskaus, die Verhandlungen über ein langfristiges britisch-sowjetischer Handelsabkommen aufzunehmen, läßt nicht zum ersten Male in der Handelspolitik einen Spalt offen, während gleichzeitig die Türen der „großen Politik“ klemmen. Man erinnert sich, daß zur Zeit der Londoner Außenministerkonferenz, als ein kurzfristiges Handelsabkommen zwischen England, und Rußland unter Dach gebracht werden konnte, eine Fortsetzung des Gesprächs für den Frühsommer ausdrücklich ins Auge gefaßt wurde. Leider haben sich jedoch die sachlichen Voraussetzungen für einen umfassenderen Handelsvertrag zwischen den beiden Ländern seitdem eher verschlechtert. Die Sowjets haben zwar die damals versprochenen 750 000 t Futtergetreide zum größeren Teil geliefert. Sie konnten jedoch ihre Aufträge an Maschinen und Bahnen für die Holzindustrie sowie für elektrotechnische Ausrüstung nur in sehr geringem Umfang unterbringen. Man spricht von Aufträgen für nur 2 Mill. £, was noch nicht 10 v. H. der geplanten Bestellungen ausmachen würde. Von sowjetischer Seite verlautet daher in London, daß man zunächst britische Regierungshilfe bei der Unterbringung der restlichen Aufträge fordern wolle, und zwar zu Höchstpreisen und mit kurzfristigen Lieferterminen. Dies widerspricht jedoch der traditionellen britischen Wirtschaftspolitik und auch dem Bestreben von Schatzkanzler Cripps, die britischen Ausfuhren möglichst in Hartwährungsländer zu lenken. Außerdem machen bekanntlich die USA die Marshall-Hilfe davon abhängig, daß die gelieferten Materialien nicht nach Osteuropa und in die Sowjetunion weitergeleitet werden, auch nicht Rohstoffe in verarbeiteter Form. Washington soll sogar gegen einige sowjetische Aufträge unter dem alten Abkommen Protest eingelegt und ihre Ausführung verhindert haben.

Unter derartigen Aspekten muß es als fraglich gelten, ob es den sicher gutwilligen Verband-, lungsfachleuten gelingen würde, ein arbeitsfähiges Handelsabkommen zustande zu bringen. Für England, das sich vor allem größere russische Holzlieferungen von einem neuen Abkommen versprach, würde das Ausbleiben eines derartigen Vertrages sehr schmerzlich sein. Die Sowjetunion würde aber wohl, wirtschaftlich gesehen, mindestens ebenso traurig sein, da sie dringend auf industrielle Ausrüstung aus dem Ausland angewiesen ist. Gn.