Wohl das größte Aktivum im armen Deutschland ist die Initiative. Damit ist nicht gesagt, daß nun jeder Träumer zum Unternehmer befähigt sei. Wo sich aber Initiative und einiger Wagemut mit Fähigkeiten und vielleicht auch noch mit einem, auf persönlichem Vertrauen fußenden, Kredit paaren, soll man getrost dem „Unternehmergelüste“ freien Lauf lassen.

Dies ist auch der Sinn des vom Wirtschaftsrat verabschiedeten Gewerbezulassungsgesetzes. Bisher gab es fast überall die einschränkende Bestimmung, daß ein „Bedürfnis“ zur Errichtung eines neuen Betriebes bestehen müsse. Hinter dieser Klausel haben sich vielfach nicht nur Behörden, sondern auch die Interessenten, also die bestehenden Unternehmen und ihre Berufsvertretungen verschanzt und manchem „Anfänge?“ den Start unmöglich gemacht. Das neue Gesetz legt fest, daß dort, wo auch in Zukunft eine Erlaubnis eingeholt werden. muß, wie etwa beim selbständigen Handwerk, bei Grundstücksmaklern, Darlehensvermittlern, Versicherungsvertretern und -maklern sowie im Wandergewerbe, die Bedürfnisprüfung entfällt. Beim Handwerk, bei Maklern und Vermittlern darf die Erlaubnis nur versagt werden, wenn die erforderliche Sachkunde nicht nachgewiesen wird oder Tatsachen vorliegen, die eine persönliche Unzuverlässigkeit des Antragstellers erkennen lassen. Industrieunternehmen dürfen nur dann nicht errichtet werden, wenn die beabsichtigte Fertigung nicht erlaubt ist. Im Handel fallen das Einzelhandelsschutzgesetz und andere Verordnungen über Handelsbeschränkungen fort: Insbesondere werden auch die süddeutschen Gesetze über die Errichtung gewerblicher Unternehmen außer Kraft gesetzt, – die nach der Kapitulation erlassen worden sind.

Man sollte meinen, daß die Wiederherstellung der Gewerbefreiheit als eine weitere Auswirkung des frischen Windes begrüßt werde, der sich mit der Geldreform und der weitgehenden Aufhebung der Bewirtschaftung aufgetan hat. Doch weit gefehlt. Der Länderrat hat, hauptsächlich mit süddeutschen Stimmen, ein Veto gegen das Gesetz eingelegt, von dem sich, erfreulicherweise die Vertreter der SPD ausgeschlossen haben. Die Begründung: es sei noch nicht möglich, die Gewerbezulassung völlig freizugeben, da ohne Bedürfnisprüfung eine reibungslose und gleichmäßige Kontingentverteilung unmöglich sei. Die völlige Gewerbefreiheit sei auch solange illusorisch, als es überhaupt noch eine Bewirtschaftung und Kontingentierung gäbe Und schließlich begünstige das Gesetz das Eindringen von Schwarzmarktelementen in den regulären Handel. Ja, sollen wir denn ewig uns im Kreise drehen und uns dagegen sträuben, schrittweise die normalen Freiheiten wiederherzustellen, weil andere Freiheiten noch nicht gegeben sind? Soll denn noch immer der Kleinmut der Behörden über den Wagemut derjenigen triumphieren, die jetzt im Vertrauen auf die Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft bereit sind, ein Risiko zu übernehmen? Soll denn für alle Zeiten die behördliche Fußangel auch denjenigen vom Beschreiten eines neuen Weges fernhalten, der bereit ist, es aufeigene Gefahr zu tun?

Wer heute nach Selbständigkeit strebt und bereit ist, alle Mühen für die Errichtung eines neuen Betriebes auf sich zu nehmen, ob es nun eine kleine Handwerkstätte, ein Ladengeschäft oder ein industrieller Betrieb ist, dem sollte man doch ein herzliches Glückauf zurufen und ihn nicht des „Kontingentraubs“ und ähnlicher „Delikte“ verdächtigen. Vielleicht greift er nach einem Teil der Profite, die unter dem Numerus clausus den Alteingesessenen in einer Art von „Monopol“ zuflössen. Dann ist es höchste Zeit, daß die Auslese der Besten an die Stelle derartiger Monopole tritt. Gerade unter den Flüchtlingen befinden sich viele, denen es nicht an der Qualifikation, sondern nur an der „Zulassung“ fehlte. Ihnen eine Chance zur erneuten Selbständigkeit zu geben, ist nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit, sondern auch eine Pflicht im Dienste der besten Ausnutzung aller vorhandenen Kräfte.

Und daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dafür sorgen neben den vielen Schwierigkeiten der Beschaffung von Räumen, Werkzeugen und Materialien auch die hohen Kreditkosten, die jeden Leichtfertigen abschrecken sollten, dem es nur auf den leichten Verdienst ankommt. Denn für „verkrachte Existenzen“ ist die Gewerbefreiheit keine Medizin, ja, nicht einmal ein Rauschgift. rw.