Von Kurt Döring

Kürzlich sind die letzten deutschen Kriegsgefangenen von der englischen Insel in ihrer Heimat eingetroffen. Den Heimkehrern jetzt, da durch die Währungsreform vieles für sie so schwer geworden ist, zu helfen, dürfte eine der vordringlichen Aufgaben sein.

Munster-Lager ist für viele Deutsche ein Begriff geworden: eine Barackenstadt zwischen Bäumen. Wer eintritt, kommt mit einem Transport, er kömmt mit seinen Kameraden. Noch einmal geschieht mit ihm, was all die Jahre mit ihm geschehen ist: er wird registriert. Seit einem Jahr sind mehr als eine halbe Million Kriegsgefangene hier registriert worden. Sie kamen aus Amerika, Ägypten, England, Belgien, den Niederlanden, aus dem Osten und von Italien. Tausende werden noch aus Frankreich, Ägypten und Rußland erwartet. Alle, die nach Munster-Lager kommen, erwarten die Freiheit. Doch viele empfängt zugleich mit der Freiheit die Sorge. Sie sind frei und – allein...

Wer in den Registraturstellen von Munster-Lager arbeitet, braucht nicht lange zu fragen. Er sieht auf den ersten Blick, aus welchem Lande die Heimkehrer kommen. Die Braungebrannten mit den weißgeblichenen Tropenmützen kommen aus dem mittleren Osten – vom „Beduinenscheich Ab del kabar“ – wie es auf ihren mit Kreide auf die Waggons gemalten „Visitenkarten“ heißt. Die im dunkelbraunen Battle-dress sind aus England gekommen: sie sind sehr selbstbewußt und ungebrochen. Bunter sieht die Kleidung derer aus, die über Bretzenheim aus Frankreich kommen: geflickte Uniformen der früheren deutschen Wehrmacht. Und dann die aus dem Osten! Sie sind wortkarg, schüchtern. Und vielen ist die Heimkehr unbegreiflich. Alle aber – gleichgültig, aus welchem Lande sie heimkehren – sind von der Gefangenschaft gezeichnet, viele so sehr, daß dies gewiß ist: Wenn niemand ihnen hilft, sind sie verloren!

Hier einer aus den französischen Lagern. Er sagt: „Manch einer von uns hat geduldig gewartet, seine Arbeit ausgeführt, sein Wissen vermehrt. Aber allmählich kam doch die Unrast über ihn. Die Vernünftigen Gespräche unter den Kameraden arteten in zynisches Schwatzen aus. Mancher geriet völlig aus der Form; die Seelen lösten sich auf. Die Gefangenschaft hat zu lange gedauert, viel zu lange...“ Hier einer, der in England mehr als drei Jahre hinter Stacheldraht verbrachte: „Die meisten von uns waren von einem fanatischen Wissensdurst befallen. Sie lernten Sprachen, betrieben Mathematik, zeichneten, bastelten, komponierten. Aber meist geschah dies alles planlos; es führte zu nichts. Die Gefangenschaft hat uns nichts gegeben, was uns helfen könnte, das neue Dasein zu bestehen...“ In den Baracken von Munster-Lager, vor den Tischen, an denen sie ihre Entlassungspapiere entgegennehmen, stehen viele, drehen die Mützen in den Händen und fragen: „Was soll nun mit uns geschehen?“ Das sind jene, die kein Daheim mehr haben. Sie wohnten einmal in Ostpreußen, in Pommern oder in Schlesien. Viele haben keine Angehörigen mehr. Viele haben ihre Heimkehr bis zum letzten Tage aufgeschoben. Nun stehen sie da und fragen...

In Munster-Lager sitzen Vertreter sämtlicher Arbeitsämter. Sie sollen Arbeitsmöglichkeiten vermitteln. Aber die Währungsreform hat die Zahl der freien Plätze zusammenschrumpfen lassen, so daß es nicht die besten Stellen sind, die man heute denen anbieten kann, die am längsten gelitten haben. Und dann: Was nützt einem Heimkehrer eine Arbeitsstelle, wenn er nirgends ein Obdach finden kann? Vor wenigen Wochen wurden von Munster-Lager zwei Oberschlesier nach Remscheid gewiesen, eine Wohnung sei dort vorhanden, hatte man ihnen versprochen. Nach einer Woche kamen sie zurück. Es sei aussichtslos – meinten, sie – es gäbe dort keine Unterkunft, nicht einmal für eine Nacht. Sie hätten auf dem Bahnhof übernachtet. Die Behörden hätten nicht weiterhelfen wollen. Was nun? Die beiden Heimkehrer waren auf Remscheid dokumentiert und waren gezwungen, den Weg dorthin, den Weg ins Ungewisse, zurückzugehen.

Es gibt ein Gesetz in der britischen Zone, das es allen Gemeinden zur Pflicht macht, die Heimkehrer dort aufzunehmen, wohin sie „dokumentiert“ wurden; es sei denn, dieser Ort sei zum „Brennpunkt“ erklärt. Der niedersächsische Flüchtlingsminister äußerte kürzlich, daß es in ganz Niedersachsen keinen solchen „Brennpunkt“ gebe. Trotzdem werden auch in diesem Lande täglich Heimkehrer unter allerlei Vorwand ab-, gewiesen ... Was den Heimkehrern bleibt, ist im Weg, der kein Ausweg ist. Sie nennen ihn den „kalten Weg“. Er führt von Amt zu Amt, von Tür zur Tür. Schließlich gelingt es einem, daß er Zuzugserlaubnis in einer Stadt erhält, aber seinen Arbeitsplatz. Und oft steht die Zuzugserlaubnis auch nur auf dem Papier. Da war vor einigen Wochen ein junger Englandheimkehrer nach Stade geleitet worden. Das Arbeitsamt hatte ihm eine Arbeitsstelle zuweisen können, und vom Wohnungsamt erhielt er auch das Zuzugsrecht; aber nur das „Recht“; von Wohnung keine Spur; Er verbrachte die ersten Nächte in einem Hotel. Dort wurde er ausgewiesen und in der „Herberge zur Heimat“ aufgenommen: zwanzig Mann in einem Saal, Schränke gab es nicht, und am Tage durfte sich niemand in der Herberge aufhalten, auch nicht sonntags; denn das sei kein Hotel, sondern ein Übernachtungsheim, meinte der Herbergsvater. Der Betriebsführer würde beim Wohnungsamt für seinen Arbeiter vorstellig. Jetzt wurde der Heimkehrer mit einem Schicksalsgefährten zusammen in eine ausgebaute Dachkammer eingewiesen. Drei Wände bestanden aus Dachpappe. Doch weil das Wohnungsamt versicherte, daß der Raum für Wohnzwecke beschlagnahmt sei, mußte sich wohl darin wohnen lassen. Da sitzen die beiden Heimkehrer, die hier die ersten Mieter sind, und warten gespannt, ob der kommende Winter sich ebenfalls den Vorschriften des Wohnungsamtes beugen wird, indem er sich bemüht, hier ohne Kälte aufzutreten. Vorläufig regnet, es nicht nur durchs Dach, sondern durch drei Wände.