Mit dem Fahrrad können die Freiburger in vier oder fünf Stunden in Basel sein. Man könnte hinfahren, wie man das früher so oft getan hat, und einiges einkaufen, denn dort ist nach neun Rationierungsjahren jetzt alles frei geworden; aber man hat keinen Grenzübertrittsschein und keine Devisen. Das Land Bizonia liegt etwas weiter entfernt, immerhin könnte man, auf der Baseler Straße nach Norden fahrend, in der doppelten Zeit in Karlsruhe sein. Auch ist die Zonengrenze nicht so unübersteigbar, es gilt das gleiche Geld, und auch dort ist, wenn nicht alles, so doch sehr vieles frei geworden. Aber man hat kein Fahrrad, und die Eisenbahn ist zu teuer. Man kann auch kein Rad kaufen, und der Händler hinterm Martinstor, zu dem die Leute aus allen Stadtteilen und Dörfern kommen, weil sie gehört haben, er habe Fahrräder zu verkaufen für hundertzwanzig Mark, hebt resigniert die Arme. Er hat keine Räder, keine Schläuche, er hat nichts.

In Karlsruhe bekäme man ein Rad und noch manches andere, Radioapparate, Glühbirnen, Möbel auf Teilzahlung, Schreibmaschinen, Honig für 2,40 DM und lederne Aktentaschen. Die Freiburger lesen es staunend und ein wenig ungläubig. Bizonien ist in ihren Augen zu einer Schweiz in etwas bescheidenerem Stil geworden, und ihre neidischen Blicke gehen nun von der Grenze im Süden zu der im Norden, die keine richtige Grenze ist. Sie fühlen sich vernachlässigt und zurückgeblieben in ihrer Ecke. Der frische Wind, der seit dem Tage X durch die Doppelzone weht, bricht sich an einem seidenen Vorhang.

Nicht, als ob in der französischen Zone nichts freigegeben worden wäre! In ihrem Blatt lasen’s die Badener mit eigenen Augen: Bratpfannen, Schöpflöffel, Gießkannen, Wärmflaschen, Schnabeltassen, Becher, Biergläser, Dörrbretter, Nudelhölzer und noch einiges dergleichen. Kein Spaßvogel hat das verfaßt, sondern das Ministerium der Wirtschaft und Arbeit. „Sobald entsprechende Erfahrungen über den Erfolg der Freigabe der vorgenannten Gegenstände vorliegen“, so hieß es, werde eine weitere „Auflockerung der behördlichen Verteilungsformalitäten“ eintreten. Nun warten die Freiburger die entsprechenden Erfahrungen über die freigewordenen Nudelhölzer ab. Sie warten auf Fahrräder, Schreibmaschinen, Glühbirnen und Uhren, auf alles, was man in der Doppelzone kaufen kann. Sie warten darauf, daß überall, wo die Deutsche Mark gilt, auch die gleichen Bewirtschaftungs- und Preisvorschriften gelten.

Im Freiburger Stadtgarten hat die Badische Landesexportschau, Biga genannt, wieder ihre Tore geöffnet. Zum erstenmal ist sie zugleich eine Verkaufsmesse. Was gibt es zu kaufen? Kuckucksuhren, Füllfederhalter, Drehbleistifte, Bleistiftspitzer, Zahnbürsten, Christbaumschmuck, Holzteller und Kämme. Vierzehn Fabriken stellen Uhren aus, die Schwarzwälder Apparatebauanstalt zeigt ihre neuen Saba-Radioempfänger. Alles, was die Firmen tun können, ist, daß sie für spätere Zeiten die Adressen von Interessenten notieren, die gern Kunden werden möchten.

In der Stadt sieht es nicht anders aus. Nicht einmal Kochtöpfe sind frei. Auch dort: Füllfederhalter, Bleistiftspitzer, Stofftierchen, Kunstgewerbe, Schmuck, Kosmetika, Kämme. Eine Woge von Kämmen ist über Freiburg zusammengeschlagen. Nichts gegen Kämme, sie sind notwendig, und die Freiburger nehmen sie als Ratenzahlung auf eine freie Wirtschaft. Das hoffnungsvollste Bild bietet noch der neuerstandene Wochenmarkt unterm Münsterturm. Blumenkohl, Mähren, Kohlrabi, Pflaumen, alles ist reichlich angeboten. Auf einer großen Tafel sind die Höchstpreise verzeichnet.

Aber die Preisbehörde kann nicht überall sein. In den Weindörfern des Markgräfler Landes zum Beispiel kann sie nicht dauernd kontrollieren, wieviel Geld die Gastwirte für das Viertel Wein fordern. Die gefüllten Gläser, die sonst nur in der Verschwiegenheit der Küche vor den guten Freunden standen, von denen der Wirt noch mehr hatte als nur die Freundschaft, werden jetzt auch in die Gästestube gebracht, für 2 DM das Viertel. Das ist 63 deutsche Pfennige teurer als auf der Biga, aber dafür tun’s die Wirte auch ohne die fein bedruckten Biga-Bezugscheine, die rosa „Tickets“, sprich Tickä mit Ton auf der letzten Silbe. Zwei Mark für ein Viertelliter Wein sind ein unverschämter Preis; der Wein war in normalen Zeiten 1,20 Mark die Flasche wert. Aber die Gastwirte wissen Becheid: wenn es sonst nichts zu kaufen gibt, ist das knappe Geld bald nicht mehr so knapp, und der kleine Mann, der nicht für ein Fahrrad zu sparen braucht, weil man ihm keines verkauft, tröstet sich mit einem Viertel Wein. Ähnlich ist es mit der Butter. Die grauen Preise beim Bauern werden schwarz und schwärzer, konkurrieren bereits mit den großstädtischen Schwarzmarktpreisen. Das Geld, das keine oder wenig Ware findet, verliert wieder an Wert.

Das neue Geld, von der Bevölkerung endlich unter Opfern erkauft, hat nicht gezündet, der Motor stockt. Die Folgen: Minderung des Ansehens der neuen Währung und damit schwerer psychologischer Schaden. Schwarzhändler und Kompensateure, dankbar für das zonale Schongebiet, reiben sich die Hände: die Luft, in der sie atmen können, ist aus Verboten gemacht. Die Preise steigen, die Kaufkraft sinkt; die Steuereinnahmen sind gering, denn gekauft und verkauft wird weiter im Dunkeln. Das Geld sucht die Ware, wo es sie findet, zum guten Teil wandert es ab in die Doppelzone, mit wie vielen Umständen das auch verbunden sein mag, und die unsinnige Transportbelastung durch Einzelaktionen, die noch dazu die Ware verteuern, setzt sich fort.