Die Liquidation des zweiten Weltkrieges – um nicht den unzutreffenden Ausdruck: der Friedensschluß zu gebrauchen – hat in Asien wenn möglich noch größere Verwirrung gestiftet als in Europa. Man könnte meinen, daß die eigentliche Gefahr der heutigen politischen Situation darin liegt, daß die beiden Weltkriege, der eiszeitlichen Sintflut gleich, das Geschichtsbewußtsein der Völker ausgelöscht und damit das politische Weltbild des modernen Menschen zerstört haben. Nicht nur für den einzelnen Staatsbürger gilt das, bei dem jede Maßnahme der Russen in Berlin eine hektische Kriegspsychose auslöst, die, wenn das befürchtete Ereignis nicht eintritt, nach vier Wochen wiedereiner seltsamen Unbekümmertheit Platz macht, sondern auch für die führenden Politiker. Es ist wenig mehr als drei Jahre her, seit die verantwortlichen Staatsmänner der westlichen Welt in Jalta ein Abkommen trafen, das ihre historischen Gegenspieler, die Russen, weit hinein nach Zentraleuropa holte und ihnen in Ostasien – ein Fehler, der vielleicht noch schwerer wiegt – ohne China zu konsultieren, Dairen, Port Arthur, Sachalin und die Kurilen zusprach, „als Wiedergutmachung für den verräterischen Angriff Japans im Jahre 1904“. Jetzt sollen der Wiederaufbau Japans, Chinahilfe, Marshall-Plan und fliegende Festungen die Folgen dieser Maßnahmen parieren. Die Gefahr einer haltlosen Ausbreitung des Kommunismus ist in Asien natürlich noch unendlich viel größer als in Europa. Insofern hat der englische Abgeordnete Fitzroy Maclean zweifellos mit Recht davor gewarnt, über den Bemühungen um die so wünschenswerte westliche Union alle übrigen Fronten zu vergessen und ihr damit jene. hypnotische Wirkung zu verleihen, die einmal die Maginotlinie gehabt hat. Unter dem überragenden Einfluß des asiatischen Rußlands und seiner östlichen Satelliten: der Äußeren Mongolei und Nordkoreas, entwickelt – sich in ganz Südostasien der Kommunismus mit ungeheurer Virulenz. Schon stehen große Teile Chinas, die Mandschurei, Sinkiang und die Innere Mongolei weitgehend unter kommunistischem Einfluß, der während der letzten Monate auch in Südasien in ständigem Zunehmen begriffen ist. Immer neue Aufstände und Revolten werden aus diesem Bereich in Siam, – Burma, Malaya und Indochina gemeldet.

– Es wäre allzu einfach, wollte man diese Entwicklung kurzerhand auf das Erfolgskonto der russischen Propaganda buchen. In sehr vielen Fällen ist eine direkte Verbindung der kommunistischen Parteien dieser Staaten mit Moskau bisher gar nicht nachzuweisen gewesen. Es ist vielmehr so, daß die Entwicklung der letzten Jahre in Asien den Boden für die Ideologie und die ökonomischen Verheißungen des Kommunismus vorbereitet hat. Man muß sich einmal vergegenwärtigen, daß es 1941 südlich Sibirien und östlich des Indus nur drei unabhängige Staaten In Asien gab: Japan, China und Siam. Alle anderen befanden sich auf irgendeiner Stufe kolonialer Abhängigkeit, und ihre Politik wurde letzten Endes in London, Paris, Den Haag und Washington entschieden.

Inzwischen. ist infolge der Unabhängigkeitserklärung Indiens, Burmas und Ceylons, die innerhalb der letzten zwölf Monate erfolgte, etwa 430 Millionen Menschen in Asien das Selbstbestimmungsrecht verliehen worden, ist die Förderation der malaiischen Staaten neu organisiert, die indonesische Union, geschaffen und mindestens auf dem Papier die Unabhängigkeit des früheren französischen Kolonialgebiets Indochina anerkannt worden. 430 Millionen befreite Asiaten – welche verwirrende Vielfalt der Möglichkeiten für junge ehrgeizige Nationalistenführer, welche chaotische Entwirrung und Verwirrung aller bisherigen wirtschaftlichen Beziehungen. Übervölkerung, soziale und religiöse Gegensätze und ein ständiger Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion sind die Fakten, mit denen alle Länder Südasiens, – die jahrelang im aktiven oder im passiven Widerstand gegen die Fremdherrschaft standen, fertig werden müssen. Eine Welle von fanatischem Nationalismus und ständiger Opposition hatte sie schließlich zur Freiheit und zum Erfolg getragen, und zwar während der letzten Phase des Krieges vor allem die kommunistisch orientierten nationalen Widerstandsbewegungen, die gegen die japanische Besetzung gekämpft hatten und die darum nach der japanischen Kapitulation von den westlichen Alliierten nicht fallen gelassen werden konnten.

Waffen, vor kurzem noch ein rarer Artikel in Südasien, gibt es heute dort im Überfluß. Die ersteh brachten die Japaner, um damit die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen gegen die Mutterländer zu schüren, die später folgenden stammten aus dem Westen und waren dazu bestimmt, die Japaner zu vertreiben. Diese Waffen findet man heute in den Kampfzentren, die die kommunistischen Terrororganisationen Malayas auf den alten Lagerplätzen der britischen Armee im Dschungel errichtet haben, mit ihnen werden die Überfälle auf die Gummiplantagen und Polizeistationen durchgeführt. Mit ihnen sind die kommunistischen Banden Burmas ausgerüstet und die Gefolgschaft Ho Chi Minhs in Viet Nam, werden die Attentate verübt, wird der Straßen- und Eisenbahnverkehr gefährdet. Zweifellos hat auch das Kominform für Asien, das jetzt offenbar aufgezogen werden soll und vermutlich in Siam stationiert werden wird, seine besonderen Pläne mit diesen Waffen und den kommunistischen „Nationalgarden“ indischen, chinesischen und malaiischen Ursprungs. Denn wenn auch gesagt wurde, daß der direkte Einfluß Moskaus bisher nicht nachweisbar war, so werden die Sowjets sich in Zukunft die Chance nicht entgehen lassen, das heiße Eisen in Südasien zu schmieden.

Zwei hochqualifizierte russische Sachverständige vom Kominform in Belgrad, Wladimir Deditscha und Radowan Zagowitsch, wurden bereits im Frühjahr dieses Jahres nach Bangkok, der Hauptstadt Siams, versetzt, und die seit kurzem auch in diesem Land zunehmenden Unruhen sowie die von dort her ausstrahlende Initiative lassen auf eine erfolgreiche Tätigkeit dieser Herren schließen. In dem Maße, in dem eine russische Expansion in Westeuropa auf zunehmende Schwierigkeiten stößt und der Kreml sich daher mit der Konsolidierung der erreichten Positionen begnügen muß, wird sich vermutlich die Dynamik der sowjetischen Außenpolitik nach Südasien verlagern. Die Möglichkeiten, die sich ihr dort bieten, sind unermeßlich groß.

Marion Gräfin Dönhoff