Der Schlüssel zum Verständnis der russischen Antwortnote über Berlin, die der Kreml den Westmächten überreichen ließ und über deren Verwunderliche Schroffheit man sich vielerorts den Kopf zerbricht, dürfte in folgenden merkwürdigen Feststellungen der „Täglichen Rundschau“ zu finden sein: Amerika, so schreibt dieses Blatt der sowjetischen Militärregierung, werde keinen Krieg riskieren, um die Blockade Berlins zu brechen, da es dann die friedliebenden Völker Europas gegen sich haben würde. Die amerikanischen Imperialisten könnten dies nicht wagen, in der klaren Erkenntnis, daß die Kräfte der „Demokratien“ heute stärker seien als die Kräfte des „Imperialismus“. Bekannte amerikanische Kommentatoren und Militärkritiker hätten selber noch vor kurzem zugegeben, daß die russischen Truppen im Falle eines neuen Krieges binnen weniger Tage am Rhein und binnen weniger Wochen am Atlantik stehen würden ... Könnte man nicht glauben, die Stimme eines längst Gehenkten zu vernehmen: „Mein Führer, ich versichere Ihnen, die sogenannten Demokratien werden es nicht wagen, uns um Polens willen den Krieg zu erklären; sie wissen, wie sehr wir ihnen militärisch überlegen sind!“ Es ist die gleiche Kurzsichtigkeit wie damals, es ist sogar der gleiche hochmütig-verächtliche Jargon, der den Westmächten das Recht aberkennt, den Ehrennamen Demokratie zu führen. Wahrhaftig, man muß der „Täglichen Rundschau“ dankbar sein für die naive Offenherzigkeit, mit der sie aufgedeckt hat, wie völlig verkehrt das Bild ist, das man sich im Kreml und bei der Roten Armee von der außenpolitischen Lage und der militärischen Stärke der Westmächte macht.

Schuld daran ist zweifellos das System; die Welt kennt es, sie hat es bei den Nazis zur Genüge beobachten können. Dem Diktator eines totalitären Reiches, der jeden Augenblick jeden Beamten bis zum Minister hinauf ins Konzentrationslager schicken oder beseitigen lassen kann, pflegt man nicht gern ungünstige Nachrichten zu berichten. Und da lassen sich aus jeder Zeitung jeden Landes immer Sätze herausnehmen, die bei geschickter Zusammenstellung der eigenen Regierung zu schmeicheln und die fremde in -ihrer Schwäche bloßzustellen scheinen. Bei dem gewaltigen bürokratischen Apparat der Sowjets beginnt diese verfälschte Berichterstattung bereits auf der untersten Stufe, und man kann sich leicht ausmalen, wie das Bild aussieht, das sich schließlich den regierenden Herren des Politbüros im Kreml darbietet. Man nehme nur das Beispiel „Täglichen Rundschau“. Gewiß haben amerikanische Zeitungen und Zeitschriften im Laufe des letzten Jahres immer wieder geschrieben, wie schwach die amerikanische Militärmacht zur Zeit sei, wie leicht die Russen Europa überrennen könnten, wie nur eine-, Flucht-nach Nordafrika die vereinigten Truppen der Westmächte zu retten vermöchte, wie man Europa, aufgeben müsse, um es vielleicht nach zwei Jahren wiedererobern zu können. Doch war dies alles nicht geschrieben, um ein tatsächliches Bild der Lage zu geben – sonst hätte man die Atombombe dabei nicht totgeschwiegen –, sondern um den amerikanischen Wählern, Abgeordneten und Senatoren klarzumachen, wie nötig es sei, daß die Vereinigten Staaten mit einer neuen Aufrüstung begönnen.

Nun könnte man meinen, dies sei auch der „Täglichen Rndschau“ bekannt und sie habe es nur nicht erwähnt, weil sie mit ihrem Artikel mithelfen wollte an einem allgemeinen Bluff des russischen diplomatischen Pokerspiels. Aber es wäre ein gefährliches Mißverständnis, wenn man sich dieser Täuschung hingäbe. Man muß den Mut haben, die Dummheiten der russischen Außenpolitik für echt zu halten, und man sollte nicht etwa glauben, sie seien nur vorgeschützt und hinter ihnen verberge sich asiatische Schlauheit. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß das, was die „Tägliche Rundschau“ schreibt, wirklich die Überzeugung des Kreml ist, daß man also in Moskau ernstlich glaubt, die Westmächte würden es – um Berlins willen nicht zueinem Kriege kommen lassen.

Die Begründung, die die „Tägliche Rundschau“ für diese These gibt, erscheint auf den ersten Blick noch seltsamer zu sein als die Behauptung selber. Die Amerikaner müßten fürchten, so heißt es da, daß sie die „friedliebenden Völker Europas gegen sich haben würden“. Nun, es dürfte genügen, in einigen dieser friedliebenden Länder mit Fallschirmen Waffen für den Bürgerkrieg abzuwerfen, und die kommunistischen Regierungen würden dort bald einen sehr schweren Stand haben. Woher stammt also die seltsame Zuversicht der „Täglichen Rundschau“? Einfach daher, daß auch in diesem Fall die Berichterstattung völlig falsch ist, auf Grund’ deren der Kreml sich ein Bild von der politischen Lage macht. Nicht anders als die Beamten des Auswärtigen Dienstes, sind auch die Funktionäre der kommunistischen Partei in allen Ländern bemüht, Immer nur günstige Meldungen nach Moskau abzuschicken. Der Fall Tito hat gerade erst wieder gezeigt, wie falsch die Informationen sind, die der Kreml auf diese Weise erhält. Man hat dort auf Grund von Berichten fest geglaubt, es gäbe In der kommunistischen Partei Jugoslawiens eine ausreichende Anzahl unzufriedener Elemente, die bereit wären, auf einen Wink von Moskau den unbotmäßigen Marschall zu stürzen – und man mußte zu spät einsehen, daß man sich gründlich getäuscht hatte.

Ein solches „Zu spät“ aber könnte sich auch ereignen, wenn der Kreml fortfährt, die Möglichkeit eines Krieges um Berlin frischweg zu negieren. Und hier liegt die große Aufgabe für die Diplomatie der Westmächte: den Russen ernsthaft klarzumachen, daß Spiel und Bluff vorbei sind, daß ein Krieg durchaus im Bereich der Möglichkeiten liegt und daß er allerdings für die Russen in sehr kurzer Zeit vernichtend sein Würde.

Was aber könnte man tun, damit die Russen lernen, den Ernst der Lage zu begreifen? Ihnen richtiges Bild beizubringen, ist keineswegs so einfach, wie es zunächst aussehen könnte. Man sollte nicht vergessen, schon bei den Nationalsozialisten unterschieden sich die diplomatische Sprache und die politischen Methoden und Reaktionen erheblich von denen der Demokratien, noch viel mehr gilt dies heute für den Kreml. Man versteht sich gegenseitig wirklich nicht. Nicht nur die Sprachregeln, auch die Spielregeln sind beiderseits verschieden. Es ist aber nötig, ein gemeinsames Medium der Versündigung zu finden, und so wird es unvermeidlich sein, daß einer der beiden Partner sich bereitfinden muß, Sprache und Methode des anderen anzunehmen und anzuwenden.

Von den Russen wird man dies nicht erwarten können. Eine. Politik im Sinne und nach den Regeln der westlichen Zivilisation zu treiben, ist gegen das Credo der bolschewistischen Lehre. Lenin hat die Revolution in Permanenz erklärt und gepredigt, daß es erlaubt sei, jedes Mittel anzuwenden, um ihr zu dienen. Verlangen zu wollen, daß sich die russische Politik den westlichen Anschauungen anpassen solle, ist also unbillig, und der Verlauf der Nachkriegskonferenzen, der Verhandlungen in der UNO oder den Kontrollräten und Kommandanturen von Berlin und Wien hat zur Genüge gezeigt, daß hierbei nichts weiter herauskommt, als eine ewige Wiederholung des Wortes „njet“, die so monoton ist wie die sibirische Steppe. Es hat sich auch gezeigt, daß es keine vertragliche Abmachung gibt, die von den Russen nicht anders ausgelegt wird als von ihren Vertragspartnern. Nach westlichen Methoden kann man mit dem Kreml Friedensgespräche nicht führen.