Wo immer gängige Waren schnell zu Geld gemacht werden können, braucht man die Liquiditätsklagen der Wirtschaft nicht ernst zu nehmen. Eine vorübergehende Entblößung der Lager muß im Interesse der Währungsstabilität in Kauf genommen werden. Anders liegt es jedoch bei den „Dienstleistungsbetrieben“, bei denen die Frist von der Leistung bis zur Zählung sich über viele Wochen und manchmal Monate erstreckt. Das Verkehrsgewerbe ist ein typisches Beispiel dafür. Speditionsfirmen, Schiffsmakler, Hafenumschlagsbetriebe sind sämtlich sehr lohnintensive Unternehmen, denen nach der Geldreform die Zahlungen für alte und neue Leistungen nur sehr langsam zuströmen. Unter den strengen Richtlinien für die Kreditpolitik ist ihnen auch die Bankfinanzierung nur in sehr engem Rahmen möglich. Außerdem ist ein Zins von durchschnittlich 10 v. H. für derartige Firmen eine unbillige Belastung, vor allem dann, wenn sie sich vor der Geldreform mit voller Absicht sehr liquide gehalten haben und mit dem „Festkonto“, der zweiten Quote von 5 v. H. in der Lage wären, den nächsten schwierigen Gehaltstermin Ultimo Juli zu überbrücken. Es bedarf daher dringend der Klärung, wie allen jenen Firmen kurzfristig geholfen werden kann, die nidft über ein schnell realisierbares Warenpolster verfügen. Mit einem Vorschuß auf das Festkonto, bei dem die Banken sich als Helfer der Wirtschaft und nicht als Verdiener einschalteten, wäre also, schon manche Lockerung der Liquiditätsquelle zu erreichen. Das gleiche gilt übrigens für zwei weitere Gruppen der Wirtschaft, für die freien Berufe und für die Investitionsindustrie. Manche Anwaltsbüros z. B. versprechen sich zwar in einigen Wochen lebhafte Tätigkeit aus den Auslegungsstreitigkeiten bei den Währungsgesetzen und -Verordnungen. Im Augenblick-jedoch zeigen ihre Wartezimmer eine gähnende Leere. Für die Industrie der Produktionsmittel sind die Sorgen des Tages dadurch noch drückender, daß der Zwang zu Schleuderverkäufen zwecks Geldbeschaffung einen Teil ihrer Kapazität auf Monate hinaus mit Aufträgen belastet, die nicht einmal die Selbstkosten hereinbringen werden, während „normale“ Aufträge noch in der Ungewißheit der weiten Ferne liegen.

Hier kann kurzfristig vielleicht der Solawechsel helfen, langfristig jedoch nur ein neuer Auftragsstrom. Dabei ist neben der geplanten Wiederaufbau-Bank vielleicht die in Frankfurt bereits geäußerte Erwägung ein Ausweg, die allgemeine Freigabe der zweiten Quote von 5 v. H. beschleunigt nur in den Fällen vorzunehmen, in denen diese Mittel für Investitionszwecke beansprucht werden sollen. Es zeigt sich jedenfalls, daß der Zeitpunkt gekommen ist, Um durch eine elastische Wirtschafts- und Geldpolitik die Härten auszugleichen, die unvermeidlicherweise dort entstanden sind, wo keine Warenpolster das unsanfte Erwachen aus dem Traum des Reichsmark-Reichtums milderten. Gw.