Es ist verständlich, wenn viele Menschen in Frankreich über das teure Leber klagen, weniger verständlich aber, warum die Unruhe jetzt aufgekommen ist; denn seit Ende Februar sind die Preise, die bis dahin im Großhandel innerhalb eines halben Jahres von 900 auf 1600 gestiegen waren, verhältnismäßig stabil, wenn sie auch in den letzten Wochen etwas anzogen. Die Öffentlichkeit hatte aber einen Preisfall erwartet, Auch Finanzminister. René Mayer hatte ihn in seinem Experiment in Rechnung gestellt. Ein Anfangserfolg war ihm beschieden, als wichtige Preise vor vier Monaten am Weltmarkt einen Einbruch verzeichneten. So hat sich die Verteuerung, die als Folge der Abwertung der französischen Währung zu erwarten wir, kaum ausgewirkt. Jetzt aber machen sich diese-und andere Auftriebstendenzen stärker bemerkbar.

Die Regierung ist dadurch in die Enge gedrängt und mußte sogar wieder zur Bewirtschaffung greifen, weil die wiederhergestellte Marktfreiheit von Produzenten und namentlich von Zwischenhändlern vielfach mißbraucht worden sein soll und somit die Preise unnötig angezogen hätten. Dies scheint aber nur eine Übergangsmaßnahme zu sein. Die Versorgungslage wird sich wesentlich entspannen, wenn im August der erste Weizen dieser Ernte auf den Markt kommt. Nach der Mißernte des Vorjahres sieht Frankreich für seine beiden Haupterzeugnisse, Weizen und Wein, einer so guten Ernte entgegen, daß es seinen Bedarf weitgehend decken kann. Mehr als von der Bewirtschaftung verspricht sich die Regierung von Maßnahmen des Preisabbaus. Diese sind immer etwas problematisch, Die Franzosen haben erst kürzlich wieder bittere Enttäuschungen erlebt, als die Regierungen Blum und Ramadier sich auf diesen Weg begaben und einen Preisabbau anordneten. Schuman verzichtet auf Dekrete, begnügt sich mit Verabredungen und hat für wichtige Industrieerzeuglasse und Dienstleistungen Preissenkungen von 3 bis 15 v. H. erreicht.

Zu diesem „kleinen“ Mittel griff die Regierung erst, als sie die Hoffnung auf eine großangelegte Aktion endgültig hatte aufgeben müssen. Sie hatte nämlich mit den Amerikanern verhandelt, im die Franc-Beträge aus dem Weiterverkauf der Marshall-Lieferungen für Zwecke der Preislenkung einzusetzen. Sie wollte also durch Subventionszahlungen die Preise ermäßigen. Schon im Rahmen der Zwischenhilfe hatte sie diese Politik eingeleitet. Die damals Frankreich zugestandenen Erzeugnisse im Werte von 284 Mill. Dollar hatte die französische Regierung zum nlandspreis weiterverkauft, wobei sie hoffte, daß bei der Einzahlung auf das Franc-Konto für den Dollar der alte Kurs von 119 gerechnet werden könne, der in einigen gesetzlichen Bestimmungen noch ein Schattendasein führt. Die Amerikaner bestanden aber auf einer Abrechnung zum neuen amtlichen Kurs von 214, gestanden diesen aber auch nur für Kohle, flüssige Brennstoffe, Weizen und Fette zu und forderten für die anderen Lieferungen sogar einen Kurs von 262, der ungefähr dem Export-Franc entspricht.

So schloß diese Zwischenhilfe für den französischen Staat mit einem Verlust von 26 Mrd. Francs ab. Eingezahlt werden mußten auf das Franc-Konto 65 Mrd. Francs, während die Regierungsstellen beim Verkauf der Marshall-Güter nur 37 Mrd. Francs eingenommen hatten. Die französische Regierung hofft, daß im Rahmen des Marshall-Planes bei diesen von den Amerikanern geforderten Kursen jährlich etwa 200 Mrd. Francs auf das Konto eingezahlt werden. Dies ist bei einem ordentlichen Haushalt von 950 Mrd. Francs ein ansehnlicher Betrag. Die Hälfte davon hätte die Regierung gern für die Verbilligung der Kohle und wichtiger Lebensmittel eingesetzt. Dies hat die Regierung also nicht erreicht. Der Kohlenpreis müßte also erhöht werden. Die Regierung hofft aber, dies durch gewisse Manipulationen, so bei den Transportkosten vermeiden zu können.

– Eine Verbindung von Marshall-Hilfe und Subventionierung für Kohle und wichtige Lebensmittel haben die amerikanischen Stellen wegen der darin liegenden inflationistischen Gefahrenmomente abgelehnt. Der von Frankreich unterzeichnete Vertrag über die Marshall-Lieferungen sieht vor, daß die bei dem Verkauf der Marshall-Güter anfallenden Beträge keineswegs für Zwecke verwandt werden dürfen, die einer „leichtfertigen“ Wirtschafts- und Finanzpolitik gleichkämen, wie etwa die Zahlung von Subventionen, Deckung eines Defizits, Bestreitung staatlicher Ausgaben für konsumtive Zwecke, Dagegen können die Gelder, zum Schutz der Währung, zur Gesundung der Finanzen, Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen der Marshall-Länder, Aufbau der Grundstoffindustrien, Förderung von Rohstoffvorkommen in überseeischen Gebieten usw. verwendet werden.

Von amerikanischer Seite wurde dabei besonders auf den Monnet-Plan hingewiesen, der so in das europäische Wiederaufbauprogramm eingebaut werde. Dieser Monnet-Plan sieht einen umfassenden Aufbau der Schlüssel- und Grundstoffindustrien Frankreichs vor und weist nach amerikanischer Auffassung, den Weg zur Lösung der dringendsten französischen Probleme. Mit den 200 Mrd. Francs jährlich könnte der Monnet-Plan zu etwa zwei Drittel finanziert werden. Eine Mehrerzeugung wäre zu erwarten, diese wiederum würde eine Senkung der Kosten und Preise ermöglichen und somit zu dem gewünschten Ziele führen. W. G.