Der politisch aktive Mensch muß – so verlangt es das Exerzierreglement der Doktrinäre – bei uns parteipolitisch Stellung beziehen, sonst gilt er als suspekt. Man hat ein grundsätzliches Mißtrauen gegen die nichtrubrizierte politische Anschauung und wittert bei jeder Gelegenheit verstohlene Absichten hinter ihr. Von solchem Argwohn ist die Wirtschaftspolitische Gesellschaft von 1947 in Frankfurt seit ihrer Gründung umlauert. Es versuche sich in ihr ein neuer Herrenklub zu etablieren, spötteln die einen. Es gehe wieder das Spiel mit den grauen Eminenzen an, sagen andere. Aber weder der Gründer und Leiter der Gesellschaft, Dr. Rudolf Müller, der Vorgänger von Dr. Agartz im ehemaligen Verwaltungsamt für Wirtschaft in Minden, noch der frühere preußische Finanzminister Otto Klepper passen, mit welchen Argumenten auch immer man es versuchen mag, in solche Schablonen. Klepper, der im vorigen Jahr aus vierzehntägiger Emigration nach Deutschland zurückgekehrt ist, hat es nicht nötig, seine demokratische Gesinnung zu verteidigen.

„Ganz schön“, wird vielleicht mancher erwidern, „aber warum wollen denn die Herren durchaus abseits bleiben? Was haben sie damit vor?“ Nun, vielleicht scheuen sie obligatorische Weltanschauungen an sich, vielleicht wollen sie sich Bewegungsfreiheit für einen Zeitpunkt vorbehalten, in dem die politische Entwicklung und die Rolle der heute maßgeblichen Parteien mehr geklärt sein wird als jetzt.

Die Wirtschaftspolitische Gesellschaft untersucht, wie man hört, die Probleme mit großer Gründlichkeit, für die in der Hast des politischen Alltags oft nicht genug Zeit bleibt. Das Material wird sorgfältig gesammelt, die Fragen werden mit den Maßstäben des Politikers bewertet, aber mit der Exaktheit des Wissenschaftlers geprüft; sie werden unter verschiedenen Aspekten beleuchtet, und damit wird, so scheint uns, eine Arbeit geleistet, die wenn man sie nicht aus Voreingenommenheit von vornherein ablehnt, gute Früchte tragen kann. Wir brauchen ein solches Zentrum der Besinnlichkeit, denn wir haben keinen politischen Salon, keinen Klub im Sinne der angelsächsischen Politiker. Wir haben, schon aus technischen Gründen, nicht einmal die Möglichkeit zu der genauen Vorbereitungsarbeit, die früher vielfach in den Fachausschüssen geleistet wurde. Von einer Stelle, wie der Wirtschaftspolitischen Gesellschaft, könnte manche beachtenswerte Anregung, manche rechtzeitige Warnung kommen. Soviel wir wissen, ist das auch schon geschehen. Bei den Ausschußbesprechungen des Wirtschaftsrates über den mittelfristige! Agrarkredit spielte das von Klepper vertretene Elaborat der Wirtschaftspolitischen Gesellschaft eine maßgebliche Rolle. Unsere Parteien haben sich in ihrer mitunter leidenschaftlichen Befangenheit in vielem so festgefahren, daß eine gelegentliche Ausdehnung des Gespräches auf einen weniger befangenen Partner nur von Vorteil sein könnte.

Robert Strobel