Von Bruno Adriani, Carmel (Kalifornien)

Am 12. Juli wäre Stefan George 80 Jahre alt geworden. Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus einem längeren Essay, deruns von dem Autor zur Verfügung gestellt wurde.

George ist in Amerika unbekannt. Sein Werk ist unübersetzbar. Doch nicht nur die Deutschen sehen in ihm eine der größten Erscheinungen der nach-klassischen Ära. Der französische Schriftsteller Charles Du Bos spricht seine Überzeugung aus, daß George die europäische Literatur unserer Zeit beherrsche, und daß seit Dante, Shakespeare und Keats die Dichtung des Westens nicht solche Dichte, Klangstärke und Größe der Form gekannt habe. – Er war geboren im Rheinland im Jahre 1868, eng verbunden mit deutscher und französischer Kultur. Er beherrschte sieben Sprachen. Als er zwanzig Jahre alt war, wurde er von Stefan Mallarmé in seinen Kreis aufgenommen. George begann seine unvergleichliche Übersetzung der Gedichte Baudelaires. Dieses Werk und die Übersetzungen derGöttlichen Komödie, der Shakespeareschen Sonette sowie englischer, holländischer, polnischer, dänischer Lyrik, und Gedichte französischer Symbolisten sind nicht nur vollkommene Übertragungen; sie enthüllen auch eine neue Schönheit der deutschen Sprache –: jene dichte, nachhallende Klangfülle, die auch Georges eigene Schöpfungen charakterisiert. Es ist ihm gelungen, eine neue dichterische Sprache zu schaffen, frei von abgebrauchten Formen und billigen Bildern. Der Stil keines andern Deutschen seit Hölderlin kann – mit dem feierlichen Rhythmus und der Reinheit seiner Formen verglichen werden.

Vitale Energie, Leidenschaftlichkeit und Selbstdisziplin sind die wesentlichen Züge auch seiner Persönlichkeit gewesen. Aber es war die Tragik seines Daseins, daß sein Traum, den deutschen Geist durch eine Wiedergeburt der Jugend zu ändern, ein grausames Dementi gefunden hat. Die Führers des Nationalsozialismus wußten Nutzen aus dem wirren romantischen Gefühl zu ziehen, das in dem Geist zu vieler Deutscher die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Vorstellung verwischt; sie verzerrten Georges Vision zu der Karikatur des „Dritten Reiches“ und Mißbrauchten sogar symbolische Formulierungen seiner Gedichte als politische Schlagworte. George aber hat von Anfang an verachtungsvoll die Angebote zurückgewiesen, eine führende – Rolle als Repräsentant der deutschen Kultur zu übernehmen. Er verließ Deutschland für immer und bestimmte in seinem letzten Willen, daß er nicht in Deutschland begraben werden wolle, solange Hitler dort herrsche. Er starb im Jahre 1933 in der Schweiz. Ebendort sind zwölf Jahre später Gespräche mit George von einem gewissenhaften Freund, der ihm drei Jahrzehnte lang nahegestanden hat, wiedergegeben worden: Robert Boehringers „Ewiger Augenblick“ (Schweiz, 1945) gewährt uns tiefe Einblicke in Georges Gedanken- und Gefühlswelt.

George ist bitter mißverstanden worden, am meisten von denen, die in ihm einen Ahnherrn jener Gedanken sahen – und noch sehen –, nach denen das Deutschtum im Nationalsozialismus so furchtbar pervertierte. Was George selbst dem deutschen Volke wünschte, wird aus folgenden Worten klar: „Daß ein strahl von hellas auf uns fiel, daß unsere jugend jetzt das leben nicht mehr niedrig, sondern glühend anzusehen beginnt: daß sie im leiblichen und geistigen nach schönen maßen sucht; daß sie von der Schwärmerei für seichte allgemeine bildung und beglückung sich ebenso gelöst hat als von verjährter landsknechtischer barbarei... – daß sie schließlich auch ihr Volkstum groß und nicht im beschränkten sinne eines stammes auffaßt: darin finde man den Umschwung des deutschen Wesens.“ Das Werk Georges wäre nicht so oft mißverstanden worden, insbesondere außerhalb Deutschlands, wenn seine Kritiker diese Worte gekannt hätten.

Um die Mitte seines Lebens hat George das Geschick Deutschlands zu seinem Hauptthema gemacht. Er hoffte, daß die Deutschen durch eine geistige und moralische Revolution in ferner Zukunft den Griechen gleichkommen könnten: „Man. muß sie nur gehörig putzen, bürsten, waschen, feilen, zurechtzustutzen.“ Allerdings: „Die hoffnungslos blonden, die schweifenden, mit denen ist bei allem putzen nichts zu machen.“ (Boehringer.) Er glaubte, daß es wichtiger für die Deutschen sei, „endlich einmal eine geste“, die „deutsche Geste“ zu bekommen, als zehn Provinzen zu erobern. Seine politische Vision liegt auf dem einem sogenannten Preußentum entgegengesetzten Pol: „Wenn wir von den schädlichen einflössen des preußentums reden, so weiß jeder verständige, daß wir uns gegen keine person – nicht einmal gegen einen volksstamm richten, sondern gegen ein allerdings sehr wirksames, aber aller kunst und kultur. feindliches system.“ (Blätter für die Kunst.) Paidela, das Ideal griechischer Kultur, ist der letzte Sinn auch des Werkes Georges. Wie Plato wußte er, daß ein neuer „Staat“ nur in unseren Seelen errichtet werden könne. So ist Georges Schöpfung eine Welt von Ideen, doch keine Urkunde, die mit zeitlicher Politik zu schaffen hätte. Und so ist seine Vision eines neuen Deutschlands eine dichterische Vision, obwohl wir hier auch an Georges Wort zu denken haben: „Es kann ... nichts ausgedacht werden, was nicht einen kern realität hätte.“

George hat nicht versucht, die schwarzen Seiten des deutschen Geistes zu verwischen. Mit leidenschaftlichen Heftigkeit hat er die Schlaffheit und Unklarheit des Denkens, die Unbestimmtheit des Fühlens gebrandmarkt, die immer wieder so tragische Wechselfälle für das Land verschuldet haben – die periodisch wiederkehrenden Niederbrüche und den Verlust aller menschlichen Maßstäbe: Das Gedicht „Wahrzeichen“ aus dem „Teppich“ liest sich wie ein Schlußwort, das die letzte furchtbare Periode abschließt.