Von Rolf Italiaander

Damals auf dem Haager Europakongreß, im Kreise der Politiker, ist auch ein Dichter zu Wort gekommen: der greise englische Poet Laureate John Masefield. Er sagte, er sei trotz seiner Bresthaftigkeit erschienen, um einen symbolischen Schritt zu tun: er wolle alle, die in Europa eine Feder führen, mit aufrufen, damit sie ohne Verleugnung der nationalen Quellen, aus denen jeder Dichter schöpfen müsse, die Mutter Europa nicht vergäßen, die sich heute in so großer Gefahr befände. Es war ein glückliches Zusammentreffen, daß zu gleicher Zeit in Holland ein außergewöhnliches Buch erschien: die erste Sammlung europäischer Poesie, die aussagt, was Europa gelitten hat, was es heute noch leidet und worauf Europas Hoffnung beruht. Es heißt: „De Stern van Europa.“ und wurde von H. Wielek herausgegeben bei A. van Dittmar, Amsterdam. Das Werk wurde eingeleitet von dem temperamentvollen Dichtergelehrten Anton van Duinkerken und der 79jährigen europäischen Freiheitskämpferin und Sozialistin holländischer Nationalität Henriette Roland Holst. – Der Herausgeber hat seinen Zirkel geographisch weit gespannt. Dabei ist den Gedichtgruppen jeweils eine Einführung vorangestellt, geschrieben von besten Kennern der Literatur der betreffenden Länder. So hat Roman Guarnieri die italienische Abteilung übernommen, Sam Goudsmit die polnische, Nico Rost die belgische, Theun de Vries die russische, Dr. Martin I. Premsela die französische und Jef Last, der vielsprachige holländische Dichter, gleich drei: Norwegen, Spanien und China. Es wurde in Holland besonders begrüßt, daß jeweils das am meisten überzeugende Gedicht sowohl in der Übersetzung als auch in der Sprache des jeweiligen Landes veröffentlicht wird. Schon deshalb lobte man das Buch als eine Anthologie wahrhaft neuer europäischer Gesinnung.

Die Anthologie beginnt mit Spanien. Und zwar wird das spanische Kapitel mit einem Gedicht Antonio Machados auf den Tod des großen Lyrikers und Dramatikers Frederico Garcia Lorca eröffnet, der von Mitgliedern der Falange erschlagen wurde: „Il crimen fue en Granada“ (In Granada geschah die Missetat.). Traurige, innige Strophen, und sie enden:

„Man sah ihn davongehen ...

Laßt uns, Freunde, bauen

von Steinen und Träumen

ein Dichtergrab in der Alhambra