Obwohl in Washington allgemein die Auffassung herrschte, daß seit dem Jahre 1860 niemals eine politische Partei in einem solchen 2ustand von Uneinigkeit in den Wahlkampf eingstreten sei wie die demokratische, wurde Präsident Truman von dem demokratischen Konvent i Philadelphia für die Wahlen im November obne Schwierigkeiten wieder aufgestellt. Der Gegenkandidat Trumans, Senator Russell, de?, von den "Rebellen der Südstaaten" nominiert Borden war, erhielt 263 Stimmen gegen 947 für den Präsidenten abgegebene Stimmen. Eine weitais gefährlichere Koalition gegen Truman aller- dings war die vom New Yorker Bürgermeister ODwyer und James. Roosevelt, dem älteren Sohn des verstorbenen Präsidenten. Ihr Kandidat sollte General Eisenhower sein. Seine eindeutige Absage jedoch machte jede Diskussion darüber aif dem Parteikongreß überflüssig. Die Roose v:lt Gruppe rechnete damit, daß der ehemalige Generalstabschef, wenn er angenommen hätte, nicht hur nominiert, sondern verhältnismäßig leicht gegen jeden anderen Kandidaten zum Präsidenten gewählt werden würde. Von seinen Kriegserfolgen immer noch gebannt, glaubten v ele Amerikaner, daß Eisenhowers" Einzug ins Weiße Haas infach die meisten in- und außenpolitischen Probleme lösen werde — bezeichnend für das massenpsychologische Phänomen, das sich auch in den Vereinigten Staaten nach dem zweiten Weltkrieg bemerkbar macht.

Als "Soldat, Patriot und Staatsmann, der seinan Lande ehrenhaft, mutig und geduldig diente", wie es bei seiner Nominierung hieß, wurde nunmehr Präsident Truman als Kandidat der Demokraten für die Novemberwahlen aufgestellt. Derselbe Mann, der meinte, als er ha April 1945 plötzlich Präsident wurde, er habe desesAmt nicht gewollt, und der von der Existenz der Atombombe erst nach der Ablegung des Amtseides erfuhr, hat sich als Präsident erstaunlich schnell zurechtgefunden. Durch die Truman Doktrin, durch den Marshall Plan und nicht zuletzt durch eine geschickte. Hand, die er b der Auswahl seiner Mitarbeiter zeigte, hat ei sich in den letzten drei Jahren ein beträchtliches Maß von Ansehen verschafft.

Das Programm, das auf dem Parteikonvent btschlossen wurde, unterscheidet sich kaum von der bisherigen Politik der Regierung. Auf außenpolitischem Gebiet entschloß man sich in Philadelphia für eine Unterstützung und Stärkung der UNO, für Fortsetzung der Bemühungen um die Einschränkung des Vetos der Großmächte, für eine gesunde und humanitären Gesichtspunkten Rechnung tragende Verwaltung des Marshall Planes, für volle Anerkennung und wirtschaftliche Unterstützung. Israels, sowie für die Aufhebung des Waffenembargos für die Juden und die InternatibnaKsierung Jerusalems. Auf innenpolitischem Gebiet wollen die Demokraten die "inflatorisdie" Wirtschaftspolitik der Republikaner bekämpfen und Präsident Trumans Antiirfiationsprogramm einschließlich Preiskontrolle utd Rationierung durchführen, die Rechtsgleichheit aller amerikanischen Staatsbürger und den Schutz und die gleichen Arbeitsmöglichkeiten für die Minderheiten garantieren. Auch ein A_bbau der Einkommensteuer, besonders bei den niedrigen Einkömmenstufen, wurde auf das Wahlprogiamm gesetzt.

Wie nun die Amerikaner auf dieses Programm reagieren werden, bleibt abzuwarten. Es scheint akr daß bei den Wahlen im November weniger die Parteiprogramme und die Person ds Präsidentschaftskandidaten ausschlaggebend sein werden, als der Wunsch der Wähler, nadr seizehn Jahren eine neue Partei an der Macht zu sehen. Diese Tatsache hat zweifellos auf dem demokratischen Konvent eine Rolle gespielt. Deswjgen darf man das geringe Interesse bei der Aufstellung des Präsidentschaftskandidaten nicht so sehrin dem Fehlen geeigneter Persönlichkeiten sudien, als vielmehr in der Zurückhaltung mancher Politiker, (die wahrscheinlich im Augenblick niit gewillt sind, einen aussichtslosen Kampf z beginnen. Werden doch die Wahlaussichten Trumans noch besonders erschwert durch die Spaltung in den eigenen Reihen über die Negerfrage, die zu einer nachträglichen Nomiriierung des Gouverneurs Strom Thurniond seitens der Südstaaten geführt hat. Und doch kann man nicht mit absoluter Sicherheit behaupten, daß der republikanische Kandidat Dewey der nächste Präsident seia !ird , :Eiäe5 !ifaiftgg Verwirrung- der internationalen Lage könnte nämlich dem alten eingearbeiteten Team manche Stimmen bringen. Dies hat Dewey schoji einmal selber erfahren, als seine Bemühungen im Jahre 1944 scheiterten weil damals, die amerikanischen Wähler keinem neuen Mann die Lenkung des " komplizierten Staatsapparates in der letzten Phase des Krieges anvertrauen wollten und deswegen Präsident Roosevelt zum, vierten Male wählten. B—w