Von Hans E. Hölscher

Wir alle kennen sie, diese zwei, die eng umschlungen durch die schnöde Menge streifen und verzweifelt nach einem Ort der Stille für ihre Liebe suchen. Sie haben kein Zimmer für sich allein, jede Straße ist voller Menschen, jeder Park wurde zum Schrebergarten, jeder Wald zu Brennholz. Wohin, wohin sollen sie die Glut der Liebe tragen? Oh, ihr Liebenden, hört mich an! Ihr dürft wieder einsam sein, frei, allein, ungestört, ihr dürft wieder euch selbst gehören. Fahrt Eisenbahn! Aber beeilt euch, damit nicht die drohend sich nähernde fünfundzwanzigprozentige Fahrpreisermäßigung euch einen Strich durch die Rechnung macht!

Seht, ich war zu einer Reise nach Frankfurt verdammt, Ich nahm meine Quote, dazu borgte ich mir noch beträchtliche Anteile anderer Quoten und kam so mit Mühe auf die hundert Prozent, die unsere liebe Reichsbahn nach wie vor von den abgewerteten Deutschen erhob. Vom Schalter, wo ich sofort bedient und entblößt wurde vom letzten bunten Schein der Neuen Welt, wankte ich zur Sperre, wo gleich zwei Beamte mir die Karte entrissen und, mit Wollust lochend, äußerten, es wäre schon lange nicht mehr von irgendwem eine so weit reichende Reise angetreten worden.

Auf dem Bahnsteig war ich zunächst allein. Bald aber hatte sich meine Anwesenheit herumgesprochen. Fünf Bahnpolizisten kamen im Laufschritt, stellten sich um mich auf und waren von nun an um jeden meiner Schritte besorgt. Der Rotbemützte nahte feierlich, stellte sich höflich vor und teilte mir als Amtsgeheimnis mit, daß der Zug nach Frankfurt, den eisernen Prinzipien der Bahn entsprechend, auch ohne mich gefahren wäre, aber es wäre ihnen allen natürlich lieber, wenn auch ein Reisender an der Fahrt teilnähme. Alsbald nahte mit fröhlichem Pfeifen der Zug. Die Lokomotive hielt unmittelbar vor mir, und der Vorstand stellte mir den Lokomotivführer vor. Er gefiel mir, ich hatte nichts gegen ihn einzuwenden und erklärte mich bereit, die Fahrt mit ihm anzutreten. Nun hoben mich auf einen leisen Wink des Vorstandes vier Polizisten sanft auf ihre starken Arme und trugen mich behutsam in den Zug hinein, während der fünfte sich meines Koffers annahm. Sie setzten mich in eine Ecke und fragten höflich, ob mir der Platz auch angenehm sei. Ich entschloß mich nicht sogleich, sondern ließ mich noch in fünf andere Ecken und dann wieder in die erste zurücktragen. Sie war die beste gewesen. Lächelnd verabschiedeten wir uns voneinander. Der Vorstand erkundigte sich, ob es mir recht sei und ließ den Zug abfahren, denn es war mir recht gewesen.

Hei, und was für eine Fahrt begann nun! Wir stachen mit schrillem Pfiff in die Nacht hinein. Die Lichter von Dörfern und Städten flogen vorbei, wo Menschen enggedrängt neben- und aufeinander in ihren dumpfen Kammern lägen. Ich aber fuhr in einem ganzen Zug für mich allein. Ich stand auf und ging im Wagen auf und ab, ich sang, ich schrie, ich lachte vor mich hin; ich kletterte in die Gepäcknetze und turnte in den Gängen herum, legte mich nieder und wanderte wieder – ich tat, was mir behagte, und niemand nahm Anstoß.

Aber bald schon, als der erste Rausch vorüber war, begann ich an meiner eigenen Existenz zu zweifeln – das Grauen der äußersten Einsamkeit beschlich mich; ach, ich glaubte, schon nicht mehr am Leben und nicht mehr in Deutschland zu sein. Doch da, in meiner höchsten Not, wankte endlich, mit einem Ausdruck des Grauens in den aufgerissenen Augen, eine Gestalt den leeren Gang entlang. Wir stürzten aufeinander zu. Wir umarmten uns mit Tränen in den Augen. Es war der Schaffner, zwar ein Beamter – aber in seinem Ursprung letzten Endes doch ein Mensch.

Und langsam lebten wir auf und begannen, einander von den Schrecken der letzten Stunde zu berichten. Wir hielten diesem Ansturm von Einsamkeit so unvermittelt einfach nicht stand. Arm in Arm setzten wir uns nieder und schwelgten in seliger Erinnerung an die Zeit, da man, von Hamburg bis Frankfurt auf einem Bein in der Toilette stehend, Mensch unter Menschen sein durfte. Und je mehr wir uns in jene herrlichen Zeiten von Sturm und Drang zurückversetzten, um so mehr verzweifelte mein Schaffner an seiner Zukunft. Er sah sich,schon auf den Bahngleisen Petersilie pflücken, und es bedurfte meiner ganzen Zuversicht, um ihm den Glauben an seine Pension zu erhalten. „Ach“, seufzte er, „wenn doch nur einer noch käme, daß man wenigstens einen Skat spielen könnte, dann würde ich noch einmal zu hoffen wagen.“ – Indes wurde es Tag, und ich sah auf den Landstraßen Regimenter von Radfahrern nach allen Richtungen dahinjagen. Das waren jene Glücklichen, die ihre Quoten an ihre Räder gewendet hatten und nun an den Bahnschranken den leeren Zug mit Hohnlachen begrüßten. Und ihre Feindschaft war so groß, daß ich es vorzog, mich unter das Fenster zu beugen. Denn ich wollte, auf keinen Fall für einen Schieber, Kapitalisten, Bizonenminister oder Engländer gehalten werden. Weiß man denn, was noch kommen kann?