In der diplomatischen Auseinandersetzung zwischen West und Ost ist eine Entspannung eingetreten. Der ultimative Schritt der Westmächte, den man nach der abweisenden sowjetischen Note allgemein erwartete, ist ausgeblieben. Es zeigt sich nun, daß Washington und London auf eine Aufhebung der Berliner Blockade zunächst nicht drängen werden. In Berlin wurde mit dem Bau eines neuen Flughafens begonnen, und General Clay kündigte nach seiner Berichterstattung in Washington die Verstärkung der Luftbrücke an. So soll die Möglichkeit geschaffen werden, den blockierten westlichen Sektoren Berlins genügend Nahrungsmittel und ein Minimum an Kohle für den Bedarf der Bevölkerung im nächsten Winter zu liefern. Damit glauben die Westmächte offenbar, nicht unter Druck gestellt zu sein und längere Zeit zur Verfügung zu haben, um über die Aufhebung der Berliner Blockade zu verhandeln.

Die Bemühungen der Westmächte also, die Krise nicht zu verschärfen, sind offensichtlich, und vielleicht könnte man darin mehr als einen Stimmungswechsel, fast schon eine Kursänderung sehen. Die Gründe für die neue Marschroute dürften verschiedener Natur sein. Vor allem scheint der Wunsch; der Welt die Tragödie eines neuen Krieges zu ersparen, eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. Einen weiteren Einfluß auf die Haltung der westlichen Alliierten, mögen auch folgende Faktoren ausgeübt haben: die wenig stabile innenpolitische Lage in Frankreich, welche durch die plötzliche Regierungskrise erneut ans Licht kam, die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten und schließlich das Bestreben der Westmächte, die Westunion auszubauen und militärisch zu stärken, bevor ihre Existenz gefährdet wird. Unter den Mitgliedern der Westunion und der USA herrscht zwar in den großen Zügen ihrer Politik weitgehende Übereinstimmung, sie scheinen sich aber noch nicht über alle Nuancen bei der Durchführung dieser Politik vollkommen einig. Als ein letzter Grund wäre noch die Tatsache zu erwähnen, daß die Sowjets jetzt selber auf die Erledigung der Berliner Krise – das heißt auf die Einverleibung Berlins in die Ostzone – drängen. Die Vorschläge der sowjetischen Militärverwaltung, die Versorgung aller vier Sektoren zu übernehmen, und die Bemühungen der deutschen Wirtschaftskommission der Ostzone in dieser Richtung sind ein deutliches Anzeichen für ihr Vorhaben,

Die Berliner Krise steht also – wenn die Russen nicht einen neuen Streich unternehmen – nicht vor einer unmittelbaren Lösung. In die Länge gezogen aber wird sie zwangsläufig aufhören, eine Krise zu sein. Dann, würde, so meint man wenigstens in London und Washington, sich bessere Gelegenheit bieten, in einer ruhigeren Atmosphäre und ohne Druck zu verhandeln. Aus den Äußerungen der Außenminister Bevin und Marshall darf man wohl schließen, daß sogar der äußerst schwere Versuch gemacht werden soll, eine Generalregelung der deutschen Frage zu suchen. Ob allerdings ein so hoch gestecktes Ziel überhaupt erreichbar ist, kann nur die Zukunft zeigen. Es steht „aber schon heute fest, daß sich dabei sehr große Schwierigkeiten ergeben dürften, denn ein Übereinkommen auf breiter Basis wäre nur dann möglich, wenn eine der beiden Parteien die Bereitschaft zeigen würde, weitgehende Zugeständnisse in allen grundsätzlichen Fragen zu machen, das heißt ihre bisherige Politik nicht nur zu revidieren, sondern ganz aufzugeben.

Eine Neigung hierzu hat keine der Großmächte gezeigt. Doch besteht die Gefahr, daß man im Kreml die gegenwärtige Haltung des Westens mißversteht und als Schwäche auslegt. Die Machthaber in Moskau könnten in ihr eine Bestätigung ihrer Auffassung sehen, daß die Vereinigten Staaten und England einen Krieg nicht wagen werden. Sie könnten daher, ihrer bisherigen Linie konsequent folgend, morgen eine neue Herausforderung riskieren. Daß eine solche Fehlkalkulation dann den unerwünschten Krieg zumindest einen Schritt näher bringen würde, ist allerdings nicht zu bezweifeln. B–w