Wenn man bedenkt, daß damals im ersten Weltkriege durch die leichtfertige politische Fehlkonstruktion, die mit den Namen Balfour und MacMahon verbunden ist, ein „Palästinaproblem“ erst gewissermaßen künstlich geschaffen worden ist – denn in diesem Raum waren ja nicht etwa wie bei der „mazedonischen Frage“ die ethnologischen Schwierigkeiten historisch gegeben und organisch gewachsen –, dann mag man sich wohl fragen, wieviel Generationen in Zukunft an den Folgen der politischen Konstruktionen und „Grenzberichtigungen“ von Jalta bis Triest zu kranken haben werden.

Für das Palästinaproblem jedenfalls haben die letzten dreißig Jahre wohl mittlerweile bewiesen, daß es eine die Beteiligten objektiv zufriedenstellende Lösung nicht gibt. Alle nur vorstellbaren Staatskonstruktionen sind im Laufe der Zeit einmal von irgendeiner Kommission vorgeschlagen und ausgearbeitet worden, jeder nur denkbare Verlauf der Demarkationslinie zwischen den beiden Partnern wurde projektiert und Jerusalem bald den Juden zugesprochen, bald den Arabern oder, wie im Teilungsplan der UNO, als internationalisierte Zone vorgesehen. Daß also noch irgendwelche unerforschten Befriedungsmöglichkeiten im Objekt selber liegen, die auf dem Verhandlungswege entdeckt werden könnten, ist kaum anzunehmen. Es handelt sich, vielmehr darum, in den Beteiligten die Erkenntnis wachzurufen, daß unter Umständen auch ein mäßiger Kompromiß besser ist als die nicht erreichbare Ideallösung; und eben dafür ist vielleicht dieser Krieg „auf Raten“, wie er jetzt in Palästina geführt wird, gar nicht so ungeeignet.

Jeder kann mit eigenen Augen sehen, wohin eine Gewaltlösung führt, und muß zugleich erkennen, daß weder die eigene Überlegenheit noch die Erbärmlichkeit des Kontrahenten so eindeutig sind, wie die Träume der fanatischen Nationalisten und Faschisten in beiden Lagern es sich und ihrer Gefolgschaft in wortreichen Ausführungen vorgespiegelt hatten. Vom Beginn des Krieges bis zum ersten Waffenstillstand hatte sich zunächst die Position der Araber gefestigt. Die „zehn Tage Krieg zwischen dem ersten und dem zweiten Waffenstillstand dagegen haben eindeutig für die Juden gearbeitet sowohl hinsichtlich der militärischen Erfolge wie auch in Bezug auf die öffentliche Meinung in den meisten Staaten. Bei der Vorliebe der heutigen Politiker für die Anerkennung von faits accomplis, die man auch de facto-Lösung nennt, kann man wohl annehmen, daß irgendeine Form des jüdischen Staates auch als Dauerlösung Gestalt gewinnen wird: Bisher sind es zwei Faktoren, die die Kontinuität der Verhandlungen in Palästina so außerordentlich erschweren: die Einmischung der Großmächte, deren Standpunkt je nachdem, ob Ölinteressen, wahltechnische Erwägungen oder strategische Gesichtspunkte gerade im Vordergrund stehen, ständig wechselt, und die Radikalisierung gewisser Bevölkerungsgruppen in Palästina selbst. Der Einfluß der sich immer faschistischer gebärdenden jüdisch Terrorgruppen ist im Wachsen und bereitet schon heute der offiziellen jüdischen Regierung ähnliche Schwierigkeiten wie seinerzeit der britischen Mandatsmacht.

Dönhoff