Am 30. Juli jährt sich der Todestag Bismarcks zum fünfzigsten Male.

Gäbe es, in Deutschland oder sonst in Europa, eine Darstellung Bismarcks, die der Monumentalität des Gegenstandes ganz entspräche, so würde heute die Diskussion über Persönlichkeit und Werk des Schöpfers des preußisch-deutschen Kaiserreichs vielleicht weniger chaotisch geführt. Aber kann es eine solche Darstellung schon geben? Bismarck selbst dachte skeptisch über die moderne Geschichtsschreibung, die sich hauptsächlich auf den Akten aufbaut; Sybels viel gelegene Geschichte der Reichsgründung dünkte ihn unerträglich langweilig – nicht etwa, weil dessen. Aktenkunde noch unvollständig war, sondern offensichtlich, weil er bei diesem und anderen Historikern das durchdringende und überschauende Urteil vermißte. Bis zum heutigen Tage sind alle Darstellungen Bismarcks sozusagen „zwischen den Bäumen“ geschrieben, die Gestalt des Waldes bleibt uns verborgen. Muß uns verborgen bleiben, denn wir sind noch nicht aus der dichten Wildnis der nationalen und demokratischen Staatsprobleme heraus, in denen Bismarck seine Lebenskämpfe führte.

Zwei Auffassungen stehen sich unversöhnt gegenüber. Die Bismarck-Bejahung, oft muß man sagen, der Bismarck-Kult, und die Befehdung, ja Verkleinerung Bismarcks. Woran scheitern die Versuche zunächst der verständnisvollen Würdigung des Reichsgründers? Offensichtlich am Phänomen des Dämonischen, das heißt an dem unlösbaren Ineinander von Sache Person, von politischer Zielsetzung und menschlicher Subjektivität. Die Sache, das politische Ziel, trägt den Mann, aber auch die Menschlichkeit trägt – und gefährdet die Sache. Ein Beispiel, welches einen Sachverhalt von unabsehbar fernwirkender Konsequenz berührt: das berühmte Kapitel- der deutsch-russischen Beziehungen. Lange Zeit hindurch war es bei uns die konventionelle Auffassung, daß Bismarck im Gegensatz zu seinen Nachfolgern die Beziehungen zum großen östlichen Nachbarn immer mit höchster staatsmännischer Pfleglichkeit behandelt habe. Aber als 1927 die Erinnerungen des Petersburger Botschafters von Schweinitz erschienen, fiel auf diese Seite der Bismarckschen Außenpolitik ein anderes Licht. Erschreckend sichtbar wurde, daß die Einwirkkungen einer äußerst reizbaren Subjektivität in den siebziger Jahren, daß insbesondere tiefe, bis zum Haß gehende Animosität gegen den russischen Reichskanzler Gortschakoff diese Beziehungen gefährdet haben, die dann in den achtziger Jahren durch höchste, diplomatische Kunst des Altreichskanzlers wieder gefestigt worden sind.

Mehr, als es häufig dem deutschen Menschen bewußt war, ist dieser Zug Bismarckscher herrschsüchtiger Gewaltsamkeit vom politischen Ausland bitter empfunden und als typisch deutsche Brutalität verabscheut worden. Die bis 1870 so deutschfreundliche Königin Victoria nannte 1875 Bismarck einen „schrecklichen Menschen“, der das Angesicht Deutschlands verwandele; Disraeli bezeichnete ihn; wenig, später als einen neuen Bonaparte, der diktatorisch mit Europa umspringen wolle. Aus der Gegensätzlichkeit menschlicher Naturen entspringende Verstimmungen, gewiß, die aber im Westen Europas die Abneigung und das Mißtrauen gegen Bismarcks Staatsaufbau noch verstärkten. Denn darüber sollte man sich wenigstens heute klar sein: dem Staatsgefühl des Westens, dem Glauben an die Freiheit im parlamentarisch regierten Staat, widersprach Bismarcks Reich fast so sehr wie der russische Zarismus. Man sah in Preußen-Deutschland zu wenig Freiheit und dazu eben – viel zu viel Militarismus. Nicht nur das westliche Ausland dachte so, auch ein großer Teil der Deutschen – und bis zum heutigen Tag.

Läßt man aus Bismarcks Briefen, Reden, Erinnerungen die Grundauffassungen von Staat und Politik, auf sich wirken, so stößt man im Kern nicht auf Freiheit, Demokratie und Völkerverständigung, sondern seine immer wieder durchbrechenden Leitsätze waren: Staatssicherheit und Königstreue, tief persönlich verankert in der Existenz des preußischen Landedelmannes! Staatssicherheit nicht vom Sekuritätsbedürfnis des friedlichen Bürgers her aufgefaßt, sondern als ein Problem, als eine Aufgabe der auswärtigen Beziehungen des Staates. Dies war Bismarcks Hauptanliegen, daß Preußen, und seit 1871 Deutschland, politisch immer genügend Anlehnung an andere, Mächte haben müsse, um im Fall eintretender oder herbeigeführter Konflikte nicht alleinzustehen. Im Augenblick seines Rücktritts, 1890, äußerte er, bei den Ratgebern der Krone vermisse er das Realitätsgefühl und die psychologische Einfühlung in fremde Mentalitäten, die unerläßlich seien, um eine Außenpolitik zu führen. Ein Urteil, das zwar aus dem bitteren Groll des Moments geboren war, das dann aber in der ganzen Regierungszeit Wilhelms II. seine furchtbare Bestätigung gefunden hat.

Staatssicherheit stand auch als oberstes Gebot über Bismarcks Innenpolitik. Die Kräfte, Strömungen, Parteien, die im Zeichen des allgemeinen und gleichen Wahlrechts ihre Ansprüche anmeldeten, den politischen Liberalismus, die römische Kirche, den internationalen Sozialismus empfand er als unvereinbar mit seinem Staatsaufbau. Daher sein nie versöhnter Konflikt mit liberalen Ideen, kirchlichen Überzeugungen, sozialistischen Ansprüchen; daher auch die verhängnisvolle Fernwirkung seines innenpolitischen Kurses, den deutschen Bürger zu entpolitisieren oder, wenn man will, unpolitisch zu erhalten. Das allgemeine gleiche Wahlrecht war von Bismarck als Mittel gedacht gewesen, den königstreuen Patriotismus der breiten Massen der deutschen Landbevölkerung und der Kleinstädter zu aktivieren. Als diese Rechnung fehlschlug, als von ihm anfänglich nicht beachtete und unterschätzte politische Strömungen reißende Gewalt annahmen, faßte er bekanntlich die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts durch Staatsstreich ins Auge. In Bismarcks Innenpolitik wird ein gewissermaßen mystischer Zug seiner Staatsauffassung sichtbar. Er überschätzte, jedenfalls, zu Anfang seiner staatsmännischen Laufbahn, die Macht des royalistischen Ideals, das ihm an der Bevölkerung des deutschen Ostens und an der preußischen Armee vertraut war, in seiner Bedeutung für die modernen städtischen Massen. Dieser Royalismus war spezifisch preußisch gefühlt, nicht allgemein dynastisch und legitimistisch gedacht, wie er ja überhaupt allgemeinen Prinzipien sich versagte. Die angestammten Rechte anderer Fürstenhäuser bedeuteten ihm bekanntlich wenig. Für Preußen aber wünschte er, jedenfalls solange er im Amt war, das starke Königtum erhalten zu sehen, mit wirklichen Königen, die bereit wären, für ihre Rechte an der Spitze ihrer Truppen zu sterben.

Mancherlei Fragen hat man seit langem, an Bismarcks Innenpolitik gerichtet. „Staatssicherheit“, wie weit entsprach sie den soziologischen und wirtschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit? Wie weit war sie noch möglich in ihrer fast ausschließlichen Begründung auf Königtum und Armee? War sie in ihrer ideellen gefühlsgeborenen Verankerung im Royalismus und im Vertrauen auf den Opfersinn des besitzenden Bürgertums nicht zu eng gefaßt? Aber von diesen sich von jeher aufdrängenden Fragen abgesehen, stellt heute das Phänomen des Bismarckschen Staatsaufbaues doch noch ein größeres und gewissermaßen zeitloseres Problem. Zur Diskussion steht die Gültigkeit einer geistigen Haltung, die das Leben, den Schutz und die Erhaltung eines historisch entstandenen Staatsgebildes hoch über alle die anderen Erwägungen stellt, die auf dem Gebiet der Politik seit dem achtzehnten Jahrhundert ihre Ansprüche anmelden. Zweifellos denkt das demokratische Zeitalter nicht vom Interesse des Staates, sondern von den Gefühlen und Bedürfnissen der Staatsbürger her. Immer ist die Demokratie wesentlich humanitär, sie ist auf den strebenden, den leidenden, den unterdrückten Menschen bezogen, während Bismarcks politisches Wirken dem Staat als einer in sich beruhenden, durch sich selbst gerechtfertigten menschlich-geistigen Potenz diente und das humanitäre Denken einer Zukunft, in welcher laut Goethes Wort jeder Mensch seines Mitmenschen humanitärer Krankenwärter sein würde, nicht anerkannte.

Das, was heute gilt, und das, was Bismarck als vordringlich anerkannte, der Wechsel der Perspektive also, ist die Ursache dafür, daß seine Persönlichkeit und sein Werk von den einen abgelehnt, von den anderen gepriesen werden. Dies wird bleiben, solange eine mehr patrizischpolitische Auffassung gegen eine andere steht, die nicht den Geschichte gestaltenden, sondern den Geschichte erleidenden Menschen im Mittelpunkt sieht. J.A.v. R.