Von Reinhard A. Braun, Santa Monica (Kalifornien)

Im Stadtzentrum von Los Angeles ist ein riesiges Restaurant, die „Clinton Cafeteria“, weithin eine Berühmtheit geworden. Nicht deshalb, weil der Bau ein so überladenes Machwerk aus gigantischen Gipsverzierungen und bunter Neonlichtverschwendung ist, sondern weil hier der Gast im wahrsten Sinne des Wortes als König gilt, sogar wenn er wenig oder – gar kein Geld hat! Das Motto dieses einzigartigen Restaurants heißt, wörtlich: „Du brauchst nicht zu bezahlen, wenn dir unsere Mahlzeit nicht gefällt – du kannst die Rechnung ändern, wenn sie dir zu hoch erscheint– und wenn du gar kein Geld hast, so sollst du dennoch nicht hungrig von dannen gehn!“ – Es ist bemerkenswert, daß trotz dieser Möglichkeiten die meisten Gäste Zurückhaltung üben und ehrlich bleiben. Aber Hunderte von Bedürftigen erhalten täglich Clintons berühmte „Fünf-Cent-Mahlzeit“, diesen billigsten aller Mittagstische, den Clinton von Anfang an in seinem Restaurant eingerichtet hat.

Als Sohn eines Missionar-Ehepaares hat Clinton in seiner Jugend viel Hunger gesehen; seine Eltern lebten in China. Seither gehört sein Herz den Ärmsten der Armen.

Nur einmal, für kurze Zeit, kam sein billiger Mittagstisch in Gefahr: und das war während des letzten Weltkrieges, als man auch in Amerika begann, die Lebensmittel knapp zu halten und einzuteilen. Damals setzte sich Clinton mit Professor Henry Borsook, einem bekannten Biochemiker des Californischen Institutes für Technik, in Verbindung, und dieser schuf ihm, ohne eine Bezahlung zu verlangen, ein neues Nahrungsmittel: M.P.E. (Multi Purpose Food).

Das ist (wie schon der Name sagt) ein vielverwendbarer Nährstoff, der sich in unvorstellbarer Weise bewährt und entwickelt hat. Obwohl ein künstliches Produkt, ist „M.P.F.“ sehr wohlschmeckend, und Clinton und sein Stab waren sogleich überzeugt, daß hier etwas gefunden war, was für unzählbar viele Menschen wichtig sein könnte. Denn mit diesem Wunderstoff kann man für drei Cents eine würzige Mahlzeit die soviel Nährwert hat wie ein Viertelpfund besten Rindfleisches mit Kartoffeln, Gemüse und ein Glas Milch. Mit drei solchen Mahlzeiten also – für neun Cents – kann man, wenn nötig, einen erwachsenen Menschen mehr als ausreichend ernähren. So kam es, daß die „M.P.F.“-Nahrung, die ursprünglich bestimmt war, als Grundlage für die billigsten Mahlzeiten in Clintons Restaurant zu dienen, große Bedeutung erhielt. Nachfragen kamen aus allen Erdteilen, denn Entbehrung herrscht überall. Da gründet Mister Clinton kurzentschlossen eine Wohltätigkeitsorganisation „Meals for Millions“ – „Nahrung für Millionen“, die in den ersten sechs Monaten ihres Bestehens mehr als sechs Millionen Freimahlzeiten in 21 verschiedenen Ländern durch örtliche Wohltätigkeitseinrichtungen verteilen ließ. Die ganze Welt, so schien es, rief nach „M.P.F.“ Neue Fabrikanlagen wurden gebaut, Lagerhäuser gemietet, Versandmöglichkeiten geschaffen. Und Clintons philantropisches Werk nahm gleichsam im Handumdrehen riesige Formen an.

Im Augenblick lassen sich die Möglichkeiten dieser Erfindung noch gar nicht absehen. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß nach und nach die Eßgewohnheiten von Millionen Menschen durch die „M.P.F.“-Mahlzeiten verändert werden, Schon heute verwenden amerikanische Hausfrauen, deren Budgets in der gegenwärtigen Teuerung mehr und mehr zusammenschmelzen, den neuen Nährstoff. Soviel Nachfrage allerdings zwang Clinton nun doch, ernsthaft daran zu denken, die Herstellung und den Vertrieb seines Nahrungsmittels auf kommerzieller Grundlage auszubauen, um nicht das ganze Unternehmen zu gefährden. Und da er ein Mann von schneller Initiative ist, sind auch diese Pläne schon in vollem Gange.

„M.P.F.“ ist aus Bestandteilen der Sojabohne und verschiedenen Chemikalien herrgestellt. Die Verwendung ist denkbar einfach. Man gebraucht „M.P.F.“ als Grundlage von Mahlzeiten, ähnlich wie Hackfleisch; man verwendet „M.P.F.“ in Suppen und Eintopfgerichten, aber auch als Brotaufstrich. Es enthält alle Vitamine außer dem Vitamin C, das man nicht kochen kann. Übrigens ist eine Erprobung der Qualität des neuen Nahrungsmittels auch in Europa – nämlich in einer Schule zu Bregenz (Vorarlberg) – durchgeführt worden, wo 43 Kinder einer Klasse täglich einen Teller Suppe mit etwa 30 Gramm „M.P.F.“ erhielten, während eine andere Gruppe von Kindern dieselbe Suppe ohne Zutat bekam. Nach kurzer Zeit hatte die erste Gruppe der Kinder durchschnittlich ein Pfund zugenommen und war etwa zwei Zentimeter gewachsen, während die andere in der gleichen Zeit kaum ein Drittel dessen an Gewicht und Wachstum zugenommen hatte ... Bei alledem sollte eines nicht vergessen werden: Clintons neuer Nährstoff ist nicht nur eine erstaunliche Erfindung, sondern zugleich ein schönes Beispiel dafür, wie in Amerika Privatinitiative oft Vorbildliches zum Wohl der Menschen schafft, ohne nach Anerkennung und Dank zu fragen. Wie schade, daß diese völlig unabhängige idealistische Art des Denkens und Handelns vieler Amerikaner heute im Wirbel der politischen Stürme so oft vergessen wird!