Die Frage, ob Rom eine moderne geistige Stadt sei, ist noch nicht entschieden. Mailand ist Rom in der literarischen Kapazität überlegen; die europäischen Schauprozesse werden in Nürnberg oder in Moskau aufgeführt; es gibt in Rom keinen Dichter, der die geistige Welt bewegen könnte wie Camus in Paris. Aber es genügt, in die Stadt einzutreten, um die gesamte europäische Geschichte, ihr ergreifendes Verhängnis, ihre mutige Überlieferung präsent zu haben. Rom steht sogar über der Geschichte: denn im Grunde ist Sankt Peter, ist der Kapitolsplatz mit derselben furiosen Spiritualität gebaut, die im Sonett Michelangelos sowohl wie im Vergilschen Hirtengedicht ewig und unzerstörbar weiterleben wird. Es ist der Geist, der Europa geboren hat, die Majestas, die schon in der breiten und gemessenen Aussprache des Römers deutlich wird.

Die Stadt atmet und lebt, als sei der Krieg nicht durch sie hindurchgegangen. Gewiß, die Geschicklichkeit, die Energie und die für unsere Begriffe kaum faßbare Geschwindigkeit, mit denen Krieg, Okkupation, Rationierung und Zerstörung wieder ausgeglichen worden sind, überrascht bereits in Norditalien. Dieser Eindruck ist so plötzlich, so ungewohnt, daß man sich verwundert fragen möchte, warum die Touristen heute fehlen, die doch sonst zu dem Land gehörten. Rom scheint erst recht von Grund aus ausgeglichen. Freilich, der dramatische Riß, der Deutschland auseinanderspaltet, existiert hier nicht. Und wenn auch die politische Unruhe oft beängstigend groß ist, so ist die Existenz einer solchen Stadt wie Rom eine so großartige Reserve, daß damit in ganz Italien auf lange Sicht die seelische oder moralische Entwertung gedeckt und aufgefangen werden kann. Denn wenn die Schweiz eine krisenfeste Geldvaluta besitzt, dann kann Rom mit einer unanfechtbaren geistigen Valuta aufwarten. In Rom hat man zum ersten Male wieder das sichere Gefühl, daß nicht in Washington oder Moskau über die Zukunft Europas entschieden wird, sondern in Europa selbst. Dieser Eindruck entsteht nicht etwa aus einem romantischen Erlebnis, sondern ganz einfach, weil es keinen Platz der westlich zivilisierten Welt gibt, in den soviel Phantasie, Ideen und Erinnerungen eingeschmolzen sind. Das ist etwas, was auch mit dem gewaltigsten wirtschaftlichen Aufschwung oder „Boom“ nicht eingeholt werden kann. Freilich: es drückt sich nicht mehr in der römischen Literatur aus, die völlig lokal, ja provinziell geworden ist (man denke nur an einen Poeten wie Frilussa oder die „Miniaturen“ Baldinis); es ist auch kaum etwas vorhanden, was mit dem Pariser Esprit oder der Wiener Musik verglichen werden, könnte. Die modernen Galerien muß man in Mailand oder Venedig, die Verleger in Turin und Florenz suchen. Doch entscheidend bleibt, daß in Rom die gültigen Maße für die geistige Leistung Europas aufbewahrt werden. In Rom sind Mittelalter und antike Vergangenheit lebendig gegenwärtig. Und das Erstaunlichste ist, daß kein Römer an diesen Fundamenten zweifelt; er empfindet die politische Unruhe der Gegenwart als etwas, das draußen, vor den Toren der Stadt, ausgetragen wird, er hat das trojanische Pferd in sein Troja nicht hereingelassen.

Die Geschichte macht hart und widerstandsfähig. Um es kurz zu sagen: selbst ein russifiziertes Rom würde sich in ein römisches Rußland verwandeln. Das ist auch bei dem oft merkwürdigen Wandel einiger italienischer Intellektueller – wie Massimo Bontempellis, der sich auf die äußerste Linke geschlagen hat – dasselbe Selbstgefühl, das China über die politischen Katastrophen hinweggetragen hat. Dies ist der Weg, den Europa, den Deutschland einschlagen muß, wenn es sich selbst wiederfinden und nicht einfach vor der „Dependance“ seiner Ideen kapitulieren will. Egon Viettä