Die Pariser Konferenz der 17 Marshall-Plan-Länder begann mit dem Verlesen der Zensuren. „Die Klasse hat das gesteckte Ziel nicht erreicht. Wenn trotzdem eine Versetzung vorgenommen wird, so deshalb, weil einige Hoffnung auf bessere Leistungen in der Zukunft besteht!“ So etwa lautete das Urteil von Mr. Hoffman. Das Maß der Zusammenarbeit reiche noch nicht aus, um das vierjährige Wiederaufbauprogramm erfolgreich werden zu lassen, meinte er. Schneller als bisher müsse eine engere Zusammenarbeit angestrebt werden. Die Handelsbeziehungen der europäischen Länder untereinander müßten so frei wie möglich gestaltet werden. Westeuropa müsse weniger von den Vereinigten Staaten, aber mehr in den Nachbarländern kaufen, wobei es gleichgültig sei, ob diese Länder vor oder hinter dem eisernen Vorhang liegen.

Es mag eigentümlich anmuten, daß ein Sprecher Amerikas Propaganda gegen den Absatz seiner eigenen Waren macht. Aber die Hochkonjunktur in den USA macht es ihnen vielfach schwer, die europäischen Wünsche, vor allem an Stahl und Maschinen zu befriedigen. Und wenn man Absatz sucht, so viel lieber dort, wo auf die Dauer mit Kundschaft zu rechnen ist, nicht dort, wo Amerikas Lieferungen nur ein zeitlich begrenzter „Notbehelf“ sind. Europa kaufte nämlich vor dem Kriege nur für etwa 1,5 Mrd. Dollar in Nordamerika, im vorigen Jahre dagegen für 5,5 Mrd. Dollar. Da also der europäische Bedarf nur vorübergehender Natur ist und außerdem vom amerikanischen Steuerzahler finanziert werden muß, ist es zu verstehen, daß man nicht für ewig und immerdar liefern will. In der amerikanischen Kritik des Marshall-Plans spricht stets die Sorge mit, daß diese Hilfe als „Brot“ verzehrt wird, nicht als „Hefe“ beim Aufgehen des europäischen „Teigs“ wirkt.

Worin liegt nun aber die Hoffnung von Mr. Hoffman? Offensichtlich in der Einigung der europäischen Wirtschaftsorganisation der Marshall-Länder über die gegenseitige Konvertierbarkeit der europäischen Währungen. Der Gedanke an eine „Europadevise“ ist nicht neu. Seine Verwirklichung scheiterte jedoch bisher an den Unterschieden der einzelnen europäischen Wirtschaftseinheiten. Solange es dem Lande A besser geht als dem Lande B, müßten beträchtliche Verschiebungen in den Wechselkursen nicht nur einmalig, sondern dauernd eintreten, wenn die B-Währung frei in die A-Währung umgetauscht werden kann. Erst wenn es den Ländern A und B gleich „gut“ geht, könnte der freie Umtausch sich ohne Druck auf den Wechselkurs des Landes B vollziehen. Das ist gar nicht so kompliziert wie es klingt. Man kann auch einfach sagen, daß die Devisenbewirtschaftung den „Schutz“ der Währung dort fortsetzt, wo der traditionelle Schutz durch ein Polster von Gold- und Devisenreserven fortgefallen ist.

Nun kann man gewiß nicht durch eine „Einigung“ am Verhandlungstisch die Devisenbewirtschaftung illusorisch machen. England, ein Land, dem es – verhältnismäßig – „gut“ geht, hat denn auch zunächst gegen die freie Umwandlung des Pfundes in andere europäische Währungen Einspruch erhoben. Anderseits würde man niemals aus dem Sumpf der Devisenbeschränkungen herauskommen, wenn man den Tag abwarten wollte, an dem es allen europäischen Ländern gleich „gut“ geht – ebensowenig, wie wir in Deutschland nach der Geldreform einen wirklichen Aufschwung erhoffen könnten, wenn wir die allzu vielen Bewirtschaftungsmaßnahmen erst abschaffen würden, nachdem sie sich mit Sicherheit und voller Gewißheit als überflüssig erwiesen haben. Daher der Vorschlag von Hoffmans Stellvertreter, Bissell, die Inlandserlöse aus den Marshall-Plan-Lieferungen zur Finanzierung des innereuropäischen Handels zu verwenden.

Man muß eben den Mut zum Kopfsprung haben und den Augenblick abpassen, in – dem das Sprungbrett richtig federt. Das „Sprungbrett“, das sind die Inlandszahlungen, die für die amerikanischen Marshall-Plan-Lieferungen einkommen. Warum soll man diese Beträge nur in einzelnen Ländern verwenden, wie dies z. B. in Deutschland für die Gewährung langfristiger Kredite zum deutschen Wiederaufbau ins Auge gefaßt worden ist? Warum soll man diese Mittel, die aus einer Hilfe für ganz Westeuropa, stammen, nicht auch in ganz Westeuropa verwenden können? Warum soll man also nicht aus dem Gegenwert jeder Milliarde Marshall-Dollar eine entsprechende Summe an „Europadevise“ schaffen? Jeder Gegenwert, von Marshall-Plan-Lieferungen soll, so heißt es in dem neuen amerikanischen Vorschlag, vom Empfängerland – nach Zustimmung durch Mr. Hoffman – in einem anderen europäischen Marshall-Land zur Bezahlung von (zusätzlichen) Einkäufen für den Wiederaufbau verwendbar sein. Die „Wirkung“ jedes Marshall-Dollars würde dadurch verdoppelt, ja sogar vervielfacht werden.

Ist das ein neues Kolumbusei? Fast will es so scheinen. In Wirklichkeit handelt es sich nur um einen Versuch, die amerikanische Auffassung in die Praxis zu übertragen, daß Westeuropa wirtschaftlich gesehen gar nicht eine Vielzahl von Wirtschaftsgebieten ist, die miteinander „Außenhandel“ treiben müßten, sondern vielmehr ein einziger großer Komplex, in dem sich viele Bedürfnisse auf das, glücklichste ergänzen und in der Form des „Binnenhandels“ befriedigen lassen. Für Deutschland, dessen bei weitem bester Kunde vor dem Kriege stets Europa war, hat diese Idee etwas Bestechendes. Durch die Meistbegünstigung, Sie alle Marshall-Plan-Länder, darunter auch Deutschland, entsprechend den Verträgen mit der ECA einander gewähren müssen, kommen wir in den vollen Genuß der Europadevise, wenn sie in Paris beschlossen wird. Die gefürchtete ‚Dollarklausel“, die unsere Nachbarn von Einkaufen in Deutschland abhielt, würde viel von ihrem Schrecken verlieren, wenn man in Zukunft gegen „Europadevise“ bei uns kaufen – und dafür bei uns absetzen kann. Natürlich bleibt das Endziel die Umtauschfreiheit aller Währungen. aber für den Anfang kann man nur sagen: Es lebe Kolumbus! Gw.