DIE ZEIT

Deutsche Tabu-Politik

Der Satz: „Es geschieht meinem Vater ganz recht, wenn mir die Finger erfrieren; warum kauft er mir keine Handschuhe“ gilt nicht gerade als der Inbegriff kindlicher Klugheit, Leider waren die Koblenzer Beschlüsse der deutschen Ministerpräsidenten ungefähr auf die Formel zu bringen: „Es geschieht unseren Besatzungsmächten ganz recht, wenn wir ohne Staat bleiben; warum geben sie uns keine Einheit?“ Gereifte Politiker sollten eigentlich nicht in den Fehler verfallen, einen sehr persönlich erlittenen Schaden anderswo zu suchen, ganz wie der Junge ohne Handschuhe.

Die JEIA-Blockade

Drei Blockaderinge lägen um Deutschland, sohat Professor Baade, der Leiter des Kieler Weltwirtschafts-Institutes, es formuliert, und es gälte sie zu durchbrechen, wenn wir wieder zu normalen Grundlagen für die Wirtschaft gelangen wollen.

Atempause im Kalten Krieg

In der diplomatischen Auseinandersetzung zwischen West und Ost ist eine Entspannung eingetreten. Der ultimative Schritt der Westmächte, den man nach der abweisenden sowjetischen Note allgemein erwartete, ist ausgeblieben.

Über Frankreichs Kraft

Der Sturz der Regierung Schuman durch die Sozialisten hat außerhalb Frankreichs scharfe Worte der Kritik ausgelöst, denn eine starke französische Regierung ist bei der weltpolitischen Spannung eine europäische Notwendigkeit.

WOCHENÜBERSICHT

General Clay erklärte nach seiner Rückkehr aus Washington, daß die Luftbrücke, verstärkt werden würde, damit die Berliner auch im Winter versorgt werden könnten.

Balfours Erbschaft

Wenn man bedenkt, daß damals im ersten Weltkriege durch die leichtfertige politische Fehlkonstruktion, die mit den Namen Balfour und MacMahon verbunden ist, ein „Palästinaproblem“ erst gewissermaßen künstlich geschaffen worden ist – denn in diesem Raum waren ja nicht etwa wie bei der „mazedonischen Frage“ die ethnologischen Schwierigkeiten historisch gegeben und organisch gewachsen –, dann mag man sich wohl fragen, wieviel Generationen in Zukunft an den Folgen der politischen Konstruktionen und „Grenzberichtigungen“ von Jalta bis Triest zu kranken haben werden.

Findelkinder ohne Namen und Erinnern

Jeder Mensch trägt seinen Namen, ob er ihm gefällt oder nicht. Ein Name ist ja nur ein Wort. Und da stand nun ein Mensch, ein kleiner Junge, fünfjährig, rotnäsig – aber ein Mensch war er doch.

Antikommunismus

Bislang schien es, als sei der Abwehrkampf Washingtons gegen den Kommunismus „im eigenen Land“ lediglich Ausdruck einer Psychose.

Bismarck und die politische Nachwelt

Gäbe es, in Deutschland oder sonst in Europa, eine Darstellung Bismarcks, die der Monumentalität des Gegenstandes ganz entspräche, so würde heute die Diskussion über Persönlichkeit und Werk des Schöpfers des preußisch-deutschen Kaiserreichs vielleicht weniger chaotisch geführt.

Stützpunkt Cypern

50 Minuten Flugreise trennen Cypern von Beirut; zwei Stunden von Kairo. Aber wenn man landet, glaubt man, eine lange Reise hinter sich zu haben.

Spiel mit dem Hunger

Vier Wochen ist Berlin blockiert, und jeder neue Tag bringt eine neue Nuance in das Bild der von den Sowjets eingeschlossenen Stadt.

Feuilleton: Der Zeitbrunnen

Wo sind die Erdbeerschläge unserer Kindheit, –die Früchte, die purpurrot und saftig zwischen Wildrosen und Brombeerranken an zarten Stielen glühten? Sind es die dürren Sommer, die vielen, allzu vielen hungrigen Menschen, die bewirkten, daß auf den Schlägen des Waldes der Blick zumeist vergeblich nach denerhofften Beeren späht? Man sieht nur welke, geknickte Ranken und im zertretenen Gras die Spuren vieler Füße.

Die Papierschwalbe

Der Autor dieser Erzählung, ein Hamburger, gehört zur jungen Generation, war Lehrling im Buchhandel, dann Soldat. Wie viele seiner Altersgenossen schlägt er sich schwer durchs Leben.

Universität und Staat

Die Diskussion über eine Hochschulreform rückt mehr und mehr in den Mittelpunkt der öffentlichen Anteilnahme, nachdem sie neuerdings noch durch den Frankfurter Hochschulkonflikt belebt wurde.

Traum aus Büchern

Ich habe lange gelesen, in der Tenne auf einem Getreidehaufen liegend, und plötzlich empörte sich alles in mir..............

Die ewige Stadt

Die Frage, ob Rom eine moderne geistige Stadt sei, ist noch nicht entschieden. Mailand ist Rom in der literarischen Kapazität überlegen; die europäischen Schauprozesse werden in Nürnberg oder in Moskau aufgeführt; es gibt in Rom keinen Dichter, der die geistige Welt bewegen könnte wie Camus in Paris.

Gewappnete Metaphysik

Der Römische Katholizismus hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Konvertiten geerntet: den Philosophen Henri Bergson, dessen Lebensphilosophie durch talmudistisches Raffinement des Intellekts nahezu unangreifbar geworden war, die Dichterin Gertrud von le Fort, den Dichter Werner Bergengruen und den in wahren Schaffensräuschen Buch um Buch, Broschüre um Broschüre in die Welt werfenden Essayisten Reinhold Schneider.

Mohnblumenblatt, gelöst....

Ist es uns abendländischen, vom zergliedernden Verstand besessenen und gleichermaßen zutiefst an ihm krankenden Menschen noch möglich, uns vorzustellen, wie solche Verse entstanden? Diese Verse, die in konzentriertester Form eine Stimmung wiederzugeben vermögen und gleichzeitig so erschreckend Tiefes aussagen über das Wesen des Menschen und seine Beziehung zum Gesetz der Welt.

Clintons Kampf gegen den Hunger

Im Stadtzentrum von Los Angeles ist ein riesiges Restaurant, die „Clinton Cafeteria“, weithin eine Berühmtheit geworden. Nicht deshalb, weil der Bau ein so überladenes Machwerk aus gigantischen Gipsverzierungen und bunter Neonlichtverschwendung ist, sondern weil hier der Gast im wahrsten Sinne des Wortes als König gilt, sogar wenn er wenig oder – gar kein Geld hat! Das Motto dieses einzigartigen Restaurants heißt, wörtlich: „Du brauchst nicht zu bezahlen, wenn dir unsere Mahlzeit nicht gefällt – du kannst die Rechnung ändern, wenn sie dir zu hoch erscheint– und wenn du gar kein Geld hast, so sollst du dennoch nicht hungrig von dannen gehn!“ – Es ist bemerkenswert, daß trotz dieser Möglichkeiten die meisten Gäste Zurückhaltung üben und ehrlich bleiben.

Giesecke in Lübeck

Auch dies muß man als Beispiel der neuerwachten Sympathie der Leute in Nord- und Westdeutschland für die Berliner buchen: Seit Berlin aus der Luft verproviantiert wird, rührt der Berliner Jargon die Herzen.

„Finale“ und die Biennale

Finale, der zur Biennale 1948 gemeldete große Musikfilm“ – sie ist vielversprechend, diese Anzeige. Und sie ist groß, die Musik von Beethoven, Chopin und Tschaikowskij in der schönen Wiedergabe von Gieseking und dem Symphonieorchester von Radio Frankfurt unter Leitung von Winfried Zillich.

Notizen

An der in den Berliner Westsektoren geplanten „Freien Universität Berlin“ werden die Vorlesungen voraussichtlich mit dem kommenden Wintersemester beginnen.

Sachkürzungen...

Mühlen, Textilbetriebe und Schuhfabriken, auch die Kraftfahrzeugindustrie, werden nicht über mangelnden Zustrom des Geldes klagen.

Europa-Devise

Die Pariser Konferenz der 17 Marshall-Plan-Länder begann mit dem Verlesen der Zensuren. „Die Klasse hat das gesteckte Ziel nicht erreicht.

Bitteres Alter

Am härtesten sind die alten und – arbeitsunfähigen Männer und Frauen durch die Währungsreform betroffen, auch jene, die glaubten, durch Beiträge an Lebensversicherungsgesellschaften vorgesorgt zu haben, und die, im Gegensatz zur Sozialversicherung, noch ein Zehntel ihrer Rente erhalten.

Umgestellte Versicherung

Die Währungsreform hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Versicherungswesen. Für die Sozialversicherung und die Privatversicherung ist zunächst die Feststellung des Dritten Währungsgesetzes von größter grundsätzlicher Bedeutung, daß die Neuordnung der Sozialversicherung den deutschen gesetzgebenden Körperschaften obliegt.

...oder Personal-Abbau?

Die feinmechanische Industrie steht mit ihren Klagen über zu umfassende Kürzungen der öffentlichen Sachausgaben keineswegs allein: da.

Unvermeidlich

Die Militärgouverneure der Doppelzone haben eine Erhöhung des Kohlenpreises um 7,50 DM je t ab 1. August angeordnet, Diese Notstandsmaßnahme wurde verfügt, weil der Wirtschaftsrat noch Ferien hat und die Kohlenförderung andernfalls ernstlich in Frage gestellt sei.

Die erste Woche

Das Geschäft an den deutschen Börsen in der ersten Woche nach Wiederaufnahme des amtlichen Handels war stetig und fest. Während vorder Währungsreform die Verkaufsaufträge für Wertpapiere überwogen und auch bei der Geldknappheit in den ersten Wochen nach der Währungsreform die Verkäufe – noch die Oberhand, hatten, überwiegt jetzt bei den meisten Werten die Nachfrage.

Wissenschaft in Kiel

Jede Durchleuchtung unserer wirtschaftlichen Not nach dem durch unsere Schuld Handwerksten, verlorenen Kriege verdient als Handwerkszeug für die Überwindung dieser Not stärkste Beachtung.

Fleischerproteste

Für das Fleischergewerbe scheint die Währungsreform Anlaß zu sein, in verschiedenen Teilen der Doppelzone recht massive Protestaktionen zu starten.

Kurze Wirtschaftsmeldungen

Die amerikanische Stahlkommission hat das Ruhrgebiet verlassen, um in Frankfurt mit dem Zweimächtekontrollamt und dem Verwaltungsamt für Wirtschaft weitere Verhandlungen über die Möglichkeiten ausländischer Kapitalinvestitionen zu führen.

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