Vier Wochen ist Berlin blockiert, und jeder neue Tag bringt eine neue Nuance in das Bild der von den Sowjets eingeschlossenen Stadt. Die russischen Abschnürungsmaßnahmen scheinen unerschöpflich. Was wird der nächste Schritt sein? – darum geht das tägliche Rätselraten vor der Lektüre der Morgenzeitung. Wer sie hintereinander aufreihen wollte, würde bemerken, daß jeder für sich drastisch genug ist, um den Frieden zu bedrohen. Aber dieser Gedanke ist offenbar überholt, nachdem die Liste der „gefährlichen Schritte“ beinahe unübersehbar geworden ist.

Ein neuer Abschnitt im Blockadekrieg begann in der vergangenen Woche, als die Russen die Gesamtversorgung Berlins aus Mitteln der Sowjetregierung ankündigten. Ab 1. August solider Ostsektor die drei Westsektoren miternähren, Das ist natürlich erst ein Plan, den nur die sowjetlizensierten Zeitungen schon als Erfüllung hinstellen. Andererseits aber kann auch die „Luftbrücke“ nur als Notbehelf gelten, da sie, selbst in noch so großzügig erweiterter Form, lediglich der äußersten Existenz- und Lebensnot abzuhel-, fen vermag, nicht aber einer Millionengemeinde die Voraussetzungen zum Arbeiten und Produzieren zu schaffen. Und das beginnt sich jetzt auszuwirken. Die Arbeitslosigkeit steigt in allen Berliner Bezirken, auch in den östlichen. Aber in den Westsektoren ist die Gefahr akuter, denn hier müssen alle Betriebsmittel nicht nur rationiert, sondern vielfach ganz gedrosselt werden, Der Strom aus dem Osten bleibt für Westberlin auf russischen Befehl gesperrt. Den Strom aus Harbke von der sowjetisch-englischen Zonengrenze, den Harbke gern liefern möchte, verbieten die sowjetischen Strangulierungsmaßnahmen. Es ist klar, daß Kohle, die nach Berlin eingeflogen wird, nur den allernotwendigsten Bedarf für Krankenhäuser und Bäckereien decken kann. So muß die Industrie der Westsektoren, wenn ihre Vorräte nun zu Ende gehen, feiern, mindestens aber verkürzt arbeiten. Von russischer Seite aber wird diese Entwicklung als Folge der westlichen „Spaltungspolitik“ quittiert, der Ostsektor aber als der Stadtteil gepriesen, in dem die wirtschaftliche und soziale Entwicklung unbeeinflußt von der „Katastrophenpolitik“ des Westens verlaufe. Nachdem die Erwartung getrogen hat, daß die Absperrung der Stadt von den westlichen Zufuhren sie den Sowjets gefügig machen würde, nachdem auch die Hoffnung zu Grabe getragen ist, daß die Berliner selbst den Abzug der westlichen Besatzungsmächte fordern würden, soll mit der Gesamtversorgung Berlins durch die Russen ein besonders wirkungsvoller Coup gelandet werden.

Die östliche Stadt ist indessen schon beinahe eine andere Stadt als die der Westsektoren geworden, dort haben einseitige und – nach dem Viermächtestatut – illegale sowjetische Befehle den gesamten Polizeiapparat von nichtkommunistischen Beamten entblößt. Dort hat der kommunistische FDGB die vollkommen willkürliche Verwaltung aller Mangelwaren und deren Verteilung übernommen. Dort ist den kommunistisch gelenkten Konsumvereinen ein eindeutiges Privileg vor dem Einzelhandel gegeben worden. Dort ist die Privatindustrie bis auf verschwindende Reste sequestiert worden oder unmittelbar in sowjetische Hände übergegangen. Dort herrscht bereits die „Wirtschaftskommission“, die Regierung der Ostzone, mit Vorrecht vor allen Berliner Magistratsrechten. Und dies alles geschieht im Auftrag und auf Befehl einer Besatzungsmacht, die erst wochenlang versucht, eine Viermillionenstadt auszuhungern und sie nach dem Fehlschlag, dieses Experiments mit dem Köder des Brotes aufs neue für ihre Zwecke zu gewinnen strebt.

Es ist denkbar, daß die Bevölkerung der Westsektoren aus dieser Situation – wie schon vor Wochen bei der östlichen Währungsreform, aus den doppelten Kursen – Nutzen zu schlagen sucht. Aber es ist nach dem absolvierten Anschauungsunterricht undenkbar, daß sie einer neuen Verlockung von so deutlicher Absichtlichkeit erliegt. „Geht“, haben die kommunistischen Zeitungen schon vor Wochen den westlichen Alliierten in Berlin zugerufen. Sie haben es nicht mehr getan, als die Luftbrücke, Berlin, Deutschland und die Welt davon überzeugte, daß der Westen seine Berliner Position zu halten gewillt ist. Nun rufen sie es wieder, mit der Begründung, die Luftbrücke sei überflüssig geworden.

Das Spiel mit dem Hunger gilt dem sowjetischen Regime seit je als besonders erfolgversprechend. Die Blockade kostet Berlin viele Entbehrungen und Nervenkräfte; sie kostet die Westmächte Anstrengungen und Geld. Aber daß sie in diesen Wochen – nicht etwa in einem Kriege – mit aller Konsequenz und aller Verschlagenheit der russischen Politik ausprobiert wird, sagt mehr über das Wesen der politischen Kontrahenten und den Sinn ihrer Auseinandersetzung aus, als die Noten, die zwischen den Regierungen gewechselt werden K. W.