Man sprach in Frankreich nicht viel von dem neuen Premier. Paris schwieg zu seiner Ernennung, und viele? Franzosen lächeln noch heute, wenn sein Name fällt. Die stark geschwächte „Dritte Kraft“ hatte sich, um der drohenden Umklammerung durch die Gaullisten und die Kommunisten zu entgehen, dazu entschlossen, nach dem Sturz von Schuman einen Radikal-Sozialisten mit den Regierungsgeschäften Frankreichs zu betrauen. So war man auf André Marie verfallen, der ein treuer französischer Staatsbürger, ein kluger Diplomat, ein -glänzender Redner und ein untadeliger Charakter ist, dem aber eines fehlt, die Gabe sich populär zu machen.

Während jedoch de Gaulle eine Knebelung des Volkswillens durch André Maries Kabinett prophezeite, Radio Moskau sein Programm als volksfeindlichen Kurs anprangerte, scheinen die großen Politiker der Vorkriegsgeneration den neuen Ministerpräsidenten, den Le Monde einen legitimen Optimisten nannte, anerkannt zu haben. Dem heute 51jährigen Juristen, ehemaligem Offizier und KZ-Häftling aus Buchenwald, Justizminister der Kabinette Ramadier und Schuman, ist es tatsächlich gelungen, bedeutende Vertneter fast aller Parteien von den Linkssozialisten bis zur republikanischen Freiheitspartei in seinem Kabinett zu vereinigen. Erfahrene Politiker wie Léon Blum und Pierre Teitgen als seine Stellvertreter, als Außenminister Robert Schuman und weiter Staatsminister Ramadier und Finanzminister Reynaud bilden den Regierungs-Braintrust, Maries engeres Kabinett – „ein Sieg der Persönlichkeit“, so lautete der Kommentar der Neuen Zürcher Zeitung.

Marie wird wohl weiter im Hintergrund bleiben, da es ihm anscheinend nicht um persönliche Macht geht, vielmehr lobt er die treffliche Besetzung des Kabinetts; das kraft seiner breiten Basis die Durchführung seines Programms garantiere: eine schnelle und gründliche Stabilisierung der französischen Finanzen, sowie die Wiederaufrichtung der Staatsautorität... So bleibt denn abzuwarten, wem der Atem eher ausgehen wird, den Gaullisten, die ungeduldig auf ein erneutes Scheitern der jüngsten Regierung warten oder jenem unauffälligen Mann, der, bisher wenig beachtet, mit sachlicher Nüchternheit darangeht, endlich eine Gesundung Frankreichs herbeizuführen; M. S.