Es war ja früher nicht so, daß die Hamburger und Münchener und Leipziger einander besonders gut leiden konnten. Aber in einem Punkt waren sie sich völlig einig: Mochte die Qualität der anderen tief unter der eigenen liegen – die der Berliner übertraf sie in jedem Fall weit.

Wenn man erlebt hat, wie sich zum Beispiel Auslandsdeutsche aus den verschiedensten Gegenden des Reichs in der Ablehnung des Berliners gefunden haben, dann weiß man die augenblickliche Entwicklung besonders zu schätzen. Der Berliner ist in der Aufwertung begriffen. Die Eigenschaften, die er immer so hoch gestellt und über die er sich selbst mit größter Anerkennung ausgesprochen hat, bestätigen sich in einer Situation ohnegleichen. Er zeigt – was dem Deutschen im allgemeinen abgesprochen wird – Zivilcourage in beträchtlichem Ausmaß; er beweist Kaltblütigkeit und bewahrt Ruhe, er begegnet Drohungen mit ausgewogener Selbstsicherheit, und er stellt der Massivität materieller Bedrängnis die Grobheit seines Mauls gegenüber.

Wendigkeit und Beweglichkeit. – Eigenschaften, mit denen er sonst gern der Umwelt auf die Nerven gefallen ist – bedeuten ihm jetzt Verteidigungsmittel ersten Ranges. Die Fähigkeit, eine verfahrene Situation mit einem Witz zu ordnen, bei dem die Treffsicherheit unter Umständen auf Kosten der Subtilität geht, verhilft ihm jetzt zu einem Sitzplatz, zwischen vier Stühlen. Über das Bedenkliche und Fragwürdige seiner Position dürfte er sich im klaren sein. Sein heutiger Witz ist nicht unverbindlich, er trägt Verantwortung für ihn, und er muß gegebenenfalls einen hohen Preis dafür bezahlen. Wenn der Berliner heute Witze macht, dann tut er das nicht aus einem Überschuß an guter Laune – er tut es: trotzdem!

Es gibt noch immer so viel säuerliche, grämliche Stimmung in Deutschland, berechtigt und unberechtigt. Daher wollen wir dem Berliner seine muntere Gelassenheit hoch anrechnen. Und wir wollen bei dieser Gelegenheit auch daran denken, daß er sie in den furchtbarsten Kriegslagen und -nächten bewahrt hat, und wir wollen, auch – unbeschadet allen in Berlin wie überall vorgekommenen. Grausamkeiten – daran erinnern, daß unzählige Berliner ihren jüdischen Mitbürgern in aufopfernder Weise geholfen haben, Wer die Leute in Berlin waren, die Juden mißhandelt haben, wissen wir nicht, aber wir wissen, daß der kleine Unbekannte Schaffner, der einer alten Frau mit dem Davidstern in demonstrativer Weise zu einem Sitzplatz verhalf, und die meisten Fahrgäste, die ihn bei dieser Kundgebung schweigend, aber unmißverständlich unterstützten, Berliner waren.

Wir erinnern uns auch an den alten Setzer, der aus dem Fenster des Druckhauses dem unten vorbeimarschierenden SA-Zuge ein armseliges „Freiheit!“ zurief und schwer dafür büßen mußte; wir erinnern uns der Solidarität der Überlebenden – darunter auch solchen mit aufgepreßten Parteiabzeichen – mit den sozial und moralisch zum Tode Verurteilten. Sie alle waren Berliner, und es sind Berliner, die heute allen Deutschen beweisen, daß sie mehr an sich haben, als man ihnen sonst zugebilligt hat: mehr als – koddrige Schnauze. P. Chr. B.