Von Jan Molitor

Zum erst in Male seit dem Kriege fand das "Deutsche Derby" wieder in Hamburg statt. Sieger wurde ein Favorit: der braune Hengst Birkhahn. Zahl der Besucher: 35 600. Toto-Umsatz: 600 000 D-Mark.

I.

Das "Deutsche Derby" beweist, dat früher die Engländern zwischen den Hamburgern und den Engländern gut waren. Schon der Titel stammt aus England, wo er den Grafen Derby als Familienname dient. Der Glanz des Derby Titels aber ist zugleich ein Zeugnis dafür, daß – man auch abseits von Politik, Kunst und Wissen-Derby berühmt werden kann: der zwölfte Graf Derby veranstaltete 1780 bei Seither unweit von Ereignis ein Pferderennen. Seither ward dieses Ereignis alljährlich für den Mittwoch vor Pfingsten traditionell. Und sein Ruhm war endgültig, als man diesen Tag in ganz England den "Derbyday" nannte. Das "Deutsche Derby", das als "Norddeutsches Derby" am II. Juli 1869 in Hamburg zum ersten Male gelaufen wurde und schon 1889 seinen heutigen Titel erhielt, wird um die Jahreszeit ausgetragen, da in Europa die Weltkriege zu beginnen pflegen. Auch diesmal konnte man in Hamburg-Horn nich nur auf neue Pferde, sondern auch auf einen neuen Krieg tippen hören. Karz nach den Weltkriegen pflegt das "Deutsche Derby" nicht in Hamburg, sondem anderswo stattzufinden: 1919 trug man es in Berlin-Grunewald, 1946 und 1947 in München und Köln aus. Bomben waren auf die Horner Rennbahn gefallen, Fahrzeuge der Besatzungstruppe hatten die Grasnarbe aufgerissen, und "Men Power Division" (das war eine Art englisches Arbeitsamt) gab die Kräfte zur Wiederherstellung des Platzes nicht frei. So wurde ein mit englischen Namen versehenes, in Hamburg wie in England traditionelles Rennen verhindert. Es gibt Hamburger, die hierin – und nicht etwa in irgendeinem für Deutschland besonders negativ ausgefallenen Ereignis des Krieges – den Tiefpunkt der Beziehung zwischen England und Hamburg sahen. Seit diese Kurzsichtigkeit korrigiert wurde, ging der schon im Jahre 1852 gegründete, also beinahe hundestjährge ge Hamburger Renn-Club mit bewundernswerter Initiative ans Werk, den Platz im Homer Moor wieder herzurichten. An dem letzten Tage vor dem Rennen sah man in Hamburg magere alte Männer, die zweirädrige, mit bunter "Derby"-Reklame versehene Handwagen durch die brütende Hitze der Straßen zogen: dies gab der Hansestadt ein weltstädtisches Bild. In einem "Derby-Führer" aber konnte man lesen, wie der Hamburger Renntport, der Zusammerbruch des Deutschen Reiches und der Aufruf zum Aufbau – also drei verschiedene Begebenheiten – mit kühner Gedankenkorstruktion in unmittelbaren Zusammenhang gebracht wurden. Dein der in Vollblutzucht beheimatete "Zentralverband für Vollblutzucht und Rennen" richtete durch seinen Generalsekretär folgende Adresse an Hamburg: "Als erste Großstadt sankst du samt deiner Rennbahn 1943 in Trümmer – zwei Jahre später versank das Deutsche Reich ... Trotzdem wagt Hamburg in dem ‚Sport der Könige‘ die Fortsetzung des jäh unterbrochenen Weges". Soviel zur Geschichte des "Deutschen Derby". übrigens: daß ein Skandal drohte, wußten die wenigsten...

II.

Mit Spannung hatten die Sachverständigen des Rennsports – das ist in Hamburg ein Kreis, der vom Senator bis zum Hafenarbeiter reicht – die Kunde vernommen, daß Birkhahn, der braune Hengst aus Hoppegarten, der ungeschlageneSieger in allen, letztjährigen Rennen der Ostzone, sein Erscheinen zugesagt habe. (Natürlich hatte sein Besitzer, Herr Wieland, in seinem Namen gesprochen.) Die "Berliner Emigration", die in Hamburg ausnehmend stark ist und deren Kreisvom prominenten Schauspieler bis zum unermüdlich schwitzenden Postboten reicht, vernahm diese Kunde sogar mit gewisser Rührung. Denn Birkhahn, der in Hoppegarten, dem berühmten Gelände nahe der Reichshauptstadt wohnt, ist so gut wie ein Berliner. Deshalb haben vielenicht nur aus niederer Gewinnsucht, sondern aus höherem Solidaritätsgefühl auf diesen ihren Landsmann, besser: auf dieses ihr Landspferd gesetzt und sind denn auch nicht enttäuscht worden. Aber sie wußten nicht, in welcher Gefahr ihr Favorit schwebte ...

Wie man weiß, sind Rennpferde die prominenten Zeugnisse für die Abstammungslehre. Undob das wirklich nur ein Druckfehler war, daß Birkhahn auf dem Programmheft als "dbr. St. v. Arjaman-Bulgaria" angegeben wurde? Man sollte es glauben, denn die Lautsprecherstimme überm Horner Rennplatz berichtigte dies sofort. Birkhahn ist ein brauner, wunderschöner, riesig gewachsener Hengst, von dem jeder Pferdekenner weiß, woher er stammt. Der Vater war der berühmte "Alchimist", der 1933 das Derby gewann, seine Mutter heißt "Bramouse" und wurde aus Frankreich – wie die Franzosen sagen – entführt, oder – wie die Deutschen sagen – gekauft und hoch bezahlt. "Bramouse" aber hat den Namen gewechselt. Sie soll sich immer noch in Deutschland aufhalten, wenn man auch offiziell nicht weiß, wo. Die Franzosen nun, die offensichtlich auf dem Standpunkt stehen, daß, wenn die Mutter nicht greifbar ist, man sich am Sohne schadlos halten könne, beantragten, Birkhahn solle beschlagnahmt werden. Sein Besitzer erfuhr, von der Gefahr, die seinem Birkhahn drohte, lud den Hengst in den Wagen, versteckte ihn irgendwo in der Heide und tauchte erst wieder auf, als ihm versichert wurde, er möge kommen, er werdesehen, daß nichts passieren würde. (Offenbar ist die englische Behörde als Schutzmacht aufgetreten.)