Es wird viel von einem Lastenausgleich gesprochen, doch noch mehr darüber geschwiegen, die einen denken an ihn Tag und Nacht, die anderen suchen ihn aus ihren Gedanken zu verdrängen, er verkörpert Hoffnung und Furcht zugleich und manche fühlen sich verleitet zu glauben, daß durch ihn die bestehende Spaltung des deutschen Volkes in zwei feindliche Lager nicht ausgeglichen, sondern verschärft werden könnte. Durch das Währungsgesetz ist bestimmt worden, daß bis zum 31. Dezember dieses Jahres ein deutsches Gesetz über den Lastenausgleich erlassen werden muß. Die politischen Parteien sind in der Formulierung ihrer Vorschläge einstweilen noch zurückhaltend, bei der Frankfurter Verwaltung ist man noch mit den Vorarbeiten beschäftigt, nur von seiten der Geschädigten ist bisher eine lebhafte Debatte im Gange. Darüber hinaus jedoch scheut man sich ganz allgemein in der Öffentlichkeit, das Problem nüchtern und sachlich anzufassen. Die Gründe liegen auf der Hand, das Eisen ist in der Tat sehr heiß, jede Meinung trifft auf erbitterte Gegenmeinung und wer etwa versuchen wollte, zwischen ihnen zu vermitteln, setzt sich dem gemeinsamen Angriff beider Gegner aus. Dennoch scheint es dringend nötig, die Frage zu erörtern. Wir müssen endlich dazu kommen, die Folgen der Nazizeit und des Krieges zu liquidieren. Und dazu gehört, daß wir uns über die Möglichkeiten eines gerechten Lastenausgleich klarwerden.

Was, so muß man, um systematisch vorzugehen, zunächst fragen, soll ein. solcher Lastenausgleich bezwecken? Er soll die individuell erlittenen Vermögensverluste zu einem geringen Teil wenigstens wiedergutmachen, die durch das Naziregime und den von ihm begonnenen Krieg hervorgerufen worden sind, und dies soll auf eine gerechte Art und Weise geschehen. Nun ist es so, daß nach den bisher üblichen Auffassungen derjenige, der geschadet hat, denjenigen entschädigen müßte, der geschädigt worden ist. Zunächst also müßte alles Vermögen der NSDAP für einen solchen Lastenausgleich haften. Dies jedoch istjeider noch nicht möglich, denn mit Hilfe von Property Control halten die Alliierten ihre Hand über die keineswegs unbeachtlichen Vermögensreste. Da wären dann ferner die Geldstrafen, zu denen belastete Nazis von den Spruchkammern verurteilt worden, sind. Doch. diese Gelder haben die deutschen Länder eingenommen und längst verbraucht – sie sind also auch dahin. Darüber hinaus etwa ganz generell alle früheren Mitglieder der NSDAP als zahlungspflichtig erklären zu wollen, wäre widersinnig: sie sind einem Spruchkammerverfahren unterworfen und zum größten Teil bereits abgeurteilt, entweder freigesprochen oder bestraft; dies kann man unter keinen Umständen wieder rückgängig machen. Auch waren ja viele Geschädigte selber Mitglied der Partei, so würden sie einerseits zu denen gehören, die zahlen sollen, und andererseits zu jenen, denen geholfen werden muß. So sieht es also zunächst aus, als seien die Geschädigten in einer sehr hoffnungslosen Lage: sie haben zwar einen unbezweifelbaren Rechtsanspruch, aber das Vermögen derjenigen, gegen die sie ihn haben, ist in erster Linie von den Alliierten und ferner von den deutschen Ländern beschlagnahmt oder verbraucht.

Infolgedessen wird von denen, die die Rechte der Geschädigten vertreten, ein anderer Gesichtspunkt in die Debatte geworfen. Es sei, der Zufall gewesen, der darüber entschieden habe, ob einer sein Haus und seine Habe durch Bombenangriffe verloren und ein anderer sein Eigentum behalten hat. Es sei ebenso zufällig, daß einige Fabriken, demontiert worden seien und andere weiterarbeiten dürfen. Auch habe es vom Zufall abgehangen, ob ein Deutscher seinen Besitz im Westen oder im Osten gehabt habe. Diese Art zu argumentieren ist nicht ohne weiteres falsch, unter dem blinden Gesetz der Bomben, unter dem Gesetz der vollkommen idiotischen Kriegs- und Staatsführung von Adolf Hitler und seiner Kreaturen, regierten in der Tat in erster Linie Willkür und Zufall. Jedoch um einen gerechten Anspruch auf Entschädigung zu begründen, ist der Zufall kein sehr stichhaltiges-Argument, er ist seiner Natur nach der Antagonist des in seiner Gleichheit majestätischen Rechtes, er ist dem Wunder verwandt, weshalb Goethe ihn auch die einzig mögliche Manifestation Gottes auf Erden genannt hat.

So haben denn die Geschädigten einen Rechtsanspruch, der unabweisbar ist, den nämlich auf das Nazivermögen, doch ist der durch die Alliierten und durch die deutschen Länder blockiert. Es bleibt ihnen ein zweiter, der die Ungerechtigkeit des Zufalls zur Grundlage nimmt und ihre Korrektur verlangt. Kein Gericht der Welt würde einen solchen Anspruch anerkennen, denn das. würde das Ende jeder Rechtsprechung bedeuten. So könnte man also meinen, es stände um die Sache der Geschädigten sehr schlecht.

In Wirklichkeit ist dies keineswegs der Fall. Es gibt keine deutsche Partei, es gibt keine deutsche Regierungsstelle und keine vernünftigen Deutschen, die nicht der Meinung wären, daß es nötig sei, den Geschädigten ernsthaft und ehrlich zu helfen. Dieses Faktum gehört zu dem wenigen wirklich Erfreulichen unserer Nachkriegszeit. Es beweist, daß der christlich humanitäre Geist im deutschen Volk nicht erloschen ist. Von dieser schönen Tatsache sollte man bei der Frage des Lastenausgleichs ausgehen. Und das bedeutet auch, daß von seiten der Geschädigten eine verständliche Verbitterung einmal überprüft werden sollte. Es besteht der Wille aller Verantwortlichen in den Westzonen, den Geschädigten zu einem gerechten Ausgleich zu verhelfen, so sollte man von beiden Seiten vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Dazu ist es zunächst einmal nötig, zu prüfen, wie man das gemeinsame Ziel erreichen kann. Es gibt zwei Wege, die sich grundsätzlich voneinander unterscheiden. Da könnte man zunächst davon ausgehen, gewissermaßen eine Inventur zu machen, das Vorkriegsvermögen also mit dem heutigen zu vergleichen und auf diese Weise den Umfang des Schadens festzustellen. Das Ziel wäre dabei, die alte soziale und wirtschaftliche Struktur – nur auf einem niedrigeren Niveau – wieder herzustellen. Auf diese Weise würde also, wenn dies technisch überhaupt durchführbar wäre, jeder Staatsbürger nach Abschluß des Verfahrens zwar nur mit einem Bruchteil seines früheren Vermögens, aber im Vergleich zu den übrigen Staatsbürgern in gleicher Höhe am Volksvermögen beteiligt werden. Diesem Gedanken eines Vermögensausgleichs, einer Neuverteilung also der Substanz, liegt der Versuch zugrunde, die alte Ordnung wiederherzustellen.

Die zweite Richtung sieht die Möglichkeit, einen Lastenausgleich vorzunehmen, vollkommen anders. Sie setzt voraus, daß es weder durchführbar noch erstrebenswert sei, den alten Wirtschaftlichen Zustand auf einem niedrigeren Niveau wiederherzustellen. Durch den Krieg so argumentieren ihre Anhänger, seien grundsätzlich neue Verhältnisse geschaffen und die müßten als neuer Tatbestand anerkannt werden. Infolgedessen will diese Richtung nicht die Substanz neu verteilen, sondern den Lastenausgleich mit Hilfe einer neuen Ordnung der Einkommensverhältnisse durchführen und so allen Deutschen eine Lebensmöglichkeit garantieren. Dies soll so geschehen, daß diejenigen, die zwar ihr Vermögen verloren haben, jedoch in den Produktionsprozeß wieder eingereiht sind, auf einen Lastenausgleich verzichten müßten, da dieser lediglich denen zugute kommen soll, die nicht nur vermögenslos, sondern auch ohne Einkommen sind.