Die Neuorganisation des Agrarkredits kommt jetzt schnell in Fluß, kräftig vorangetrieben durch alte Fachleute, die sich aus der seit 1933 währenden Diaspora wieder zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Da ist der 70jährige Dr. Andreas Hermes, der sich immer noch jung genug fühlt, zwei Pferde zu gleicher Zeit zu reiten, das heißt die Bauernverbände zu organisieren, und die Agrargenossenschaften zu führen. In Frankfurt ist, der "Wirtschaftspolitischen Gesellschaft" attachiert, Otto Klepper am Werke, und der alte Kreis der "Preußenkasse" formiert sich wieder. Sogar von den Rentenbank-Kreditanstalt ist noch ein Restbestand gebliebene in Goslar. Sie soll, für die Westzonen, als "Landwirtschaftliche Rentenbank", wieder erstehen. Und mit ihr soll – ein etwas zweifelhaftes Beginnen, da ja jede Sondersteuer problematisch ist – die seit 1930 ruhende Erhebung der 5 v. H. Zinsen auf die Rentenbank-Grundschuld (im Betrag von 5 v. H. der Einheitswerte, jährlich? Belastung also 1/4 v. H.) wieder aufleben. Die als Nachfolgerin der Preußenkasse-Deutschlandkasse vorgesehene "Genossenschaftskasse", als zweite Spitzeninstitut, wird in Achtel der aufkommenden Beträge solange erhalten, bis ein Kapital von 24 bis 30 Mill. DM erreicht ist; die Genossenschaften sollen zunächst 16 Mill. Beteiligung am Kapital erhalten, und die sonst noch erforderlichen Mittel hätten die Länder und die Frankfurter Verwaltung (mit 10 Mill.) zu geben.

Beim kurzfristigen Personalkredit, der den Bedarf an Betriebsmitteln ("die Erstellung der Ernte") finanziert und über dreimal drei Monate maximal läuft, ist die Sache noch verhältnismäßig einfach und übersichtlich. Der auf 4 bis 5 Milliarden jährlich geschätzte Bedarf wird, wie man glaubt, nur zu 20 v.H. bis zu den Spitzeninstituten durchschlagen, im übrigen aber aus dem genossenschaftlichen Unterbau zu decken sein. Auch der langfristige Grundkredit (für Wiederaufbau, Besitzwechsel, Meliorationen und Siedlungsfinanzierung) soll, nach der Meinung Eckener von der Reichsregierung den Befehl, das Schiff 48 Stunden lang tiefliegend über Deutschland kreuzen zu lassen, um zu einer jener politischen Wahlen ohne Wahl Propaganda zu fliegen. Große Lautsprecher sollten den Badenweiler Marsch spielen, die Fahnen des Dritten Reiches sollten vom Luftschiff wehen. Doch Dr. Eckener weigerte sich. Er weigerte sich so energisch, daß die Reichsregierung einen Ministerialdirektor des Luftfahrtministeriums und einen Ministerialdirektor des Propagandaministeriums zu ihm an den Bodensee entsandte, die ihm mit seiner Verhaftung drohten. So flog das Schiff die Propagandafahrt, und anschließend flog es nach Rio de Janeiro. Aber Eckeners Weigerung hatte man ihm nicht vergessen.

Ich war damals als Berichterstatter der "Berliner Illustrierten Zeitung" an Bord und empfing ein verschlüsseltes Funktelegramm des Verlags mit der Mitteilung, daß Dr. Eckener an allerhöchster Stelle in Ungnade gefallen sei. Ich beschloß, ihn zu warnen. Ich suchte ihn in dem durch die Nacht dahinfliegenden Schiff und entdeckte ihn in der Führergondel. Er war allein und sah nach vorne, wo sich aus der Nacht und dem Dunst des Meeres ein merkwürdiges Gebilde erhob: ein steiler Felsgrat –.

Als ich geendet hatte, sah ich, daß von achtern der Führergondel der Ministerialdirektor des Reichsluftfahrtministeriums auf uns zukam. Eckener ging ihm entgegen. Ein leises Gespräch. Plötzlich begann Eckener zu brüllen. Er wies nach vorne und rief: "Sehen Sie sich das da an! Sehen Sie an, was da aus dem Meere wächst! Das ist der Finger Gottes! Das ist der Finger Gottes!" Ich wußte, daß da vor uns die Insel Fernando Noronha lag, und daß auf ihr ein steiler Felsgrat sich erhebt, der "Finger Gottes" genannt. "Wenn ich die Reichsregierung an Bord hätte", schrie Eckener, "dann würde ich das Schiff gegen den Finger Gottes werfen!" Dann drehte er sich um und rief, nun schon etwas leiser: "Aber warten Sie nur, der Finger Gottes wird noch auf euch alle zeigen!"

Eckener flog nicht mit zurück nach Deutschland, sondern blieb eine Weile in Amerika.

H. R. Berndorff