Von Robert Strobel

Zur Linderung der Not, die durch das Unglück in Ludwigshafen entstanden ist, reichen die staatlichen Mittel nicht aus. Jeder, der es vermag, sollte daher helfen. Spenden sind erbeten an Hansa-Bank, Filiale Speersort, Hamburg 1, für "Zeitungsverlegerverein Nord e. V., Konto: Opfer Ludwigshafen" oder Postscheck-Konto Hamburg 525 "Zeitungsverlegerverein Nord e. V., Konto: Opfer Ludwigshafen".

Redaktion und Verlag "Die Zeit".

Am Mittwoch, dem 28. Juli, um 15.45 Uhr, geschah das Unglück. Das konnte man später auf die Minute feststellen, denn alle Uhren in der Nähe der Unheilstätte waren im gleichen Augenblick stehengeblieben. Um diese Zeit saßen zwei meiner Bekannten in ihrem Büro, etliche Kilometer von dem Explosionsherd entfernt: der eine auf einem gewöhnlichen Sessel, der andere auf einem schweren gepolsterten Ei Eichenstuhl. Die erste Detonation war, so erzählte mir einer von den beiden, wie ein schwacher, ferner Schlag, der zweite, unmittelbar darauffolgende Schlag erschütterte das ganze Haus, Der Mann auf dem Eichenstuhl von beträchtlichem Gewicht war mit diesem, als hätten ihn unsichtbare Hände in die Luft gehoben, drei oder vier Schritte weit weggestoßen worden; den anderen hatte der Luftdruck auf den Boden geworfen. So groß war die Wucht des Schlages noch in der Entfernung von Kilometern.

Eine im Werk Oppau beschäftigte Chemietechnikerin war von ihrem Chef zur Erledigung eines Auftrages nach Ludwigshafen geschickt worden. Sie war eben im Begriff, mit dem Werkszug zurückzufahren, als sie von einem unheimlichen, rätselhaften Gefühl übermannt wurde. Ehe sie noch zum Überleben kam, spürte sie einen Druck unter der Bahn, als ob der Zug emporgehoben würde. Instinktiv – sie hatte ja ähnliches oft genug im Kriege erlebt – kauerte sie sich zusammen, drückte die Hände wie zum Schutz an den Kopf ... da erfolgte die Explosion. Sie sprang, wie viele andere ihrer Mitreisenden, aus dem Zug und lief, von der Angst getrieben, an den nahen Rhein. Dort erst wagte sie, zurückzuschauen. Da schlugen schon die Rauchwolken zum Himmel. – Schwerer ist es, von einem, der das Unglück aus unmittelbarer Nähe erlebt hat, eine anschauliche Beschreibung des Vorgangs zu bekommen. Ein Ingenieur schaute, eine Minute vor der Katastrophe, zum Fenster hinaus. Da beobachtete er, wie über der Anlage B 218, dem Ausgangspunkt des Unglücks, eine weiße Rauchwolke aufzischte, in die sich gleich darauf ein undefinierbares Grau mengte. Im Augenblick dieser Vermengung-hörte er die Detonation. Die zersplitternden Fensterscheiben wurden ihm ins Gesicht gestoßen.

Diese und ähnliche Beobachtungen ließen bald die Vermutung aufkommen, daß der Explosionsherd nicht unterirdisch oder zu ebener Erde, sondern höher gelegen, und daß sich die Explosion durch Kettenreaktion nach unten fortgepflanzt haben. Nicht umsonst wurden die oberen Gebäudeteile zum großen Teil schwerer betroffen als die unteren. In wenigen Sekunden griffen die Flammen um sich. Hoch emporgeschleuderte brennende Flüssigkeiten steckten auch weit entfernte Gebäude in Brand. Die Feuersbrunst war nicht mehr einzudämmen. Hier flackerten die Flammen auf, dann dort. Es war, als ob die Gespenster aus den halbvergessenen Bombennächten wieder heraufgekommen wären.

Vom Schrecken betäubt, glaubten viele, es sei der Krieg, von dem in den Zeitungen so viel geschrieben wird, bereits ausgebrochen. Und da auch noch die Fliegersirenen zu heulen anfingen, liefen sie, wie sie es in jenen hinter uns liegenden Jahren gelernt hatten, in die Luftschutzkeller oder in irgendeinen anderen unterirdischen Raum, der zu solchem Schutz geeignet schien. Die Panikstimmung hatte teilweise auch das benachbarte Mannheim ergriffen. Im "Parkhotel" rief einer dem anderen die tollsten Gerüchte zu. Im Nu hatten sie die Runde durch die Stadt gemacht. "Das ist Sabotage", meinte der eine, "Nein, die Franzosen haben ein neues Sprengmittel ausprobiert", wollte der andere unterrichtet sein. "Sie wissen doch, daß die Arbeiter, die in dem Werk dort (B 218) beschäftigt waren, eine Gefahrenzulage bekommen haben?" – "Und das ganze Gelände war schon lange abgesperrt", orakelte ein dritter.