Über das Was? gibt es in den Gewerkschaften keine Diskussion. Die beruflichen und sozialen Interessen des Faktors Arbeit sollen gegenüber dem Faktor Kapital vertreten werden. Sobald aber das Wie? diskutiert wird, scheiden sich die Geister für und wider parteipolitische Neutralität, für und wider das Organisationsprinzip der geschlossenen Form. Die Haltung, die die verschiedenen Lager dabei einnehmen, hat sich seit Kriegsende versteift. Aus der Debatte wurde Streit.

So ist in Berlin das letzte Bindeglied zwischen westlich und östlich orientierten Gruppen, die Berliner Organisation des FDGB, des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, aufgeflogen. Die Westmächte erkannten in ihren Sektoren die westlich orientierte UGO, die Unabhängige Gewerkschaftsopposition, als legal an.

In Frankreich trennten sich die Nichtkommunisten von den Thorez-Anhängern, da diese zahlenmäßig in den französischen Gewerkschaften überlegen, auf ihre absolute Mehrheit gestützt, keine gewerkschaftliche Politik mehr trieben, sondern eher offen. als versteckt die Gewerkschaftsbewegung zu einer Unterorganisation der französischen kommunistischen Partei degradierten. Nicht anders ist es in Italien. Hier haben jetzt christlich-demokratische Mitglieder aus dem Vorstand des italienischen Gewerkschaftsbundes aufgerufen zur "Bildung einer autonomen und der mokratischen Gewerkschaft, frei von politischen Einflüssen, weil die Kommunisten ihre absolute Mehrheit für politische Zwecke mißbraucht hätten – von 4,5 Mill. Wählern gehörten nämlich bei der letzten Gewerkschaftswahl 2.6 Mill. Stimmen den Kommunisten und 1 Mill. den Nenni-Sozialisten –. Der politische Generalstreik der Kommunisten nach dem Togliatti-Attentat war mit vernunftgemäßer Gewerkschaftspolitik nicht mehr zu vereinbaren.

Obwohl die Verhältnisse auch hier dazu angetan wären, ist es bisher in Deutschland nicht zu einem politischen Bruch innerhalb der Gewerkschaftsbewegung gekommen. Nach wie vor finden die Interzonenkonferenzen statt, weil Ost und West den bisher gewonnenen Einfluß nicht aufgeben wollen. So haben die Ostzonenvertreter und auch die kommunistische Presse in den Westzonen ihren aggressiven Ton gegen die "Marshall-Versklavung" zugunsten gemäßigter Argumente geändert und jedem freigestellt, sich für oder gegen das europäische Hilfsprogramm zu entscheiden.

Herrscht hier noch Burgfriede, so ist es aber bei dem zweiten Problem, der Frage nach dem Organisationsprinzip, seit einigen Wochen zum offenen Bruch gekommen. Je stärker quantitativ wie qualitativ eine Gewerkschaft ist, desto eher wird sie die Interessen ihrer Anhänger zu vertreten verstehen. Diese Erkenntnis hat 1945 dazu geführt, das Organisationsprinzip der geschlossenen Form anzuwenden. Es sollten sich alle Arbeitnehmer eines Betriebes und eines Industriebereichs. Angestellte wie Arbeiter, in einem gemeinsamen Verband zusammenfinden. Damit wollte man ein Gegengewicht gegen die parallele Gliederung der Unternehmer errichten.

Die Entwicklung ist aber in der britischen Zone nicht einheitlich gelaufen. In dem industriell stärksten Gebiet, Nordrhein-Westfalen, gewannen die Industrieverbände die Oberhand, während um Hamburg und Hannover es den Angestellten gelang, sich in einer eigenen Berufs-Angestellten-Gewerkschaft quer durcheile Industrien zu organisieren. Es war also zu erwarten, daß es einmal zur Auseinandersetzung kommen mußte. Und diese geschah; Der Dach verband der britischen Zone, der Deutsche Gewerkschaftsbund, entschied, daß die Angestellten-Gewerkschaft sich in Zukunft darauf beschränken solle, Mitglieder nur in reinen Angestellten-Industrien zu werben, und daß sie ihre Mitglieder, die in gemischten Wirtschaftszweigen beschäftigt sind, an die zuständigen Industrieverbände abgeben solle. Die DAG, die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft, erkannte diesen Beschluß nicht an und hat sich damit außerhalb der Gewerkschaftseinheit gestellt. Beiderseits werden gewichtige Argumente ins Feld geführt, die hinter den Kulissen bis zu deutlichen Gehässigkeiten ausarteten, Nunmehr hat der DGB eine eigene Angestelltenorganisation gegründet. Damit beginnt wie vor 1933 wieder der Kampf um die Gliederung nach Industrien oder nach Berufen.

Ob dieser Konkurrenzkampf den sozialen Interessen der Arbeitnehmer dient, wird erst die Zukunft erweisen. Es kommt darauf an, ob die Verbände trotz ihrer Trennung "vereint zu schlagen" verstehen. W-n.