Sind die Sowjets am Ziel ihrer Wünsche? Noch läßt sich nicht erkennen, was sie mehr beeindruckte: das in seiner Schärfe unmißverständliche Halt, das Bevin ihnen, zur Rückenstärkung der nach Moskau entsandten westlichen Unterhändler, ein scheinbar letztes Mal entgegenrief, oder die "schnellstmögliche Bereitwilligkeit zu Verhandlungen", deren der britische Außenminister sie im gleichen Augenblick versicherte. Die Taktik, hinter der sie nach wie vor ihre Gedanken zu verbergen wissen, ist überwältigend einfach. Sie schweigen. Sie schwiegen auch bis zur Formulierung ihrer offiziellen Antwort, als die Protestnoten vom 6. Juli eingelaufen waren. Sie schwiegen jetzt die Rede Bevins tot, und schließlich fand sich tagelang in keiner Zeitung der Sowjetunion auch nur eine Notiz über die Ankunft jener Männer, die immerhin den Auftrag hatten, mit Stalin zu sprechen. Auch die stärksten Worte der Westmächte erhielten vor diesem Schweigen einen immer gespenstischeren Klang. So kam es, daß die Abwesenheit Molotows von Moskau nicht als normaler Urlaub gewertet, sondern für einen bewußten Schachzug im Nervenkrieg gehalten wurde. So kommt es andererseits, daß der Empfang der Bevollmächtigten der USA, Großbritanniens und Frankreichs durch Stalin in übertriebener Bewertung einer eigentlich selbstverständlichen Tatsache bereits als eine wesentliche Entspannung gedeutet wird.

Die Vergleiche mit den verhängnisvollen Etappen des diplomatischen Zwischenspiels am Vorabend des zweiten Weltkrieges drängten sich zuletzt immer beklemmender auf. Seit Wochen spricht die Welt davon, daß ein München sich nicht wiederholen darf. Der Weg nach München führte über Berchtesgaden und Godesberg. Selbst die "gemäßigt optimistische Stimmung", in der die Diplomaten des Westens zuerst Molotow, dann Stalin nach den ersten Gesprächen verließen, findet hier ihre geschichtliche Parallele. Chamberlain schwamm zu Zeiten im Optimismus. Schon erhebt sich darum auch heute wieder die gefährliche Frage, wer diesmal den Wettlauf mit der Zeit gewinnt. In Washington und London scheint man neuerdings dem bequemen Glauben zu huldigen, "daß die Zeit nicht mehr zugunsten der Sowjetrepublik läuft". General Clay bereitete die Berliner soeben erst mit der Ankündigung, daß die Tagesleistung der Luftbrücke "auf unbegrenzte Zeit" auf 8000 t erhöht würde, auf die Entbehrungen des kommenden Winters vor. Moskau dagegen stellt sich in Berlin immer unbeirrter auf den Boden der vollzogenen Tatsachen. Die Ereignisse der letzten Tage unterstreichen seine Entschlossenheit, die taktischen Vorteile, die sich ihm an Ort und Stelle bieten, so lange nach Kräften auszunutzen als das von den Westmächten erreichte Kreml-Gespräch ihm nicht dazwischentritt. Ja, die Rücksichtslosigkeit, mit der es seine Karten täglich offener auf den Tisch legt, läßt erkennen, daß Berlin ihm heute schon mehr als ein bloßes Mittel zum Zweck ist. Die Spaltung der gesamten Verwaltung der früheren Reichshauptstadt wird mit einem Tempo vorangetrieben, das kaum noch eine Ruhepause zu kennen scheint. Von der Herauslösung der Ämter für Post und Transport über die Ausschaltung des dem Magistrat unterstellten Ernährungsamtes bis zur zuletzt verkündeten Wirtschaftsfusion Berlins mit der Ostzone führt eine einzige gerade Linie, die unmittelbar die völlige Einschmelzung der Viersektorenstadt in die sowjetische Machtsphäre zum Ziel hat. Die eindeutige sowjetische Parteinahme für den vom Magistrat suspendierten früheren Polizeipräsidenten Markgraf unterstrich die ganze Tragweite dieser Entwicklung. An die Stelle des kalten Krieges auf der höheren Ost-West-Ebene tritt, die ungeschminkte Vorbereitung zum kalten Bürgerkrieg. Die ersten Parolen dazu wurden bereits von der SED ausgegeben. Nachdem das "Neue Deutschland" schon vom "Blutvergießen" sprach, forderte der Vorsitzende des FdGB, Roman Chwalek, jeden Berliner sogar kurzweg auf, sich zu entscheiden, "auf welcher Seite der Barrikade er steht". Ein Mann wie Markgraf hatte sich entschieden. Die Rolle, in der man ihn bei dem SED-Putschversuch gegen das Berliner Stadtparlament am 24. Juni auf der Seite der Putschisten sah, entsprach ganz seinem Kurs der Säuberung der Polizei von nicht sowjethörigen Funktionären und Beamten. Es überrascht darum nicht, wenn in einer Reutermeldung bereits davon die Rede ist, daß Markgraf zusammen mit dem SED-Führer Walter Ulbricht, dem er vom Nationalkomitee "Freies Deutschland" besonders eng verbunden ist, und dem stellvertretenden sowjetischen Stadtkommandanten, Oberst Jelisarow, die Festnahme von Louise Schröder und Dr. Friedensburg in Erwägung gezogen hat,

Auch sonst beginnen sich die Grenzen hinter dem "Eisernen Vorhang" immer mehr zu verwischen. Selbst die bisher so rückgratlose Ostzonen-LdP sieht sich mehr und mehr von der SED in eine Opposition gedrängt, die ihr bald das gleiche Schicksal wie der CDU nach dem Sturz Jacob Kaisers bereiten wird. So ist also bis jetzt der Zeitgewinn auf Seiten Moskaus. Jeder weitere Tag kann es dem Ziel seiner Wünsche nur näher bringen. Heute bereits ist die Linie, die die Westmächte zu halten versuchen, nicht mehr die gleiche wie vor vier Wochen. Die Linie des Friedens aber bleibt nur gewährt, wenn Berlin in Freiheit leben kann und nicht östlichem Zwang verfällt. – sé