Henry A. Wallace, der Führer der "Dritten Partei" der Vereinigten Staaten, glaubte für seine Präsidentschaftskandidatur gewiß eine besonders’ zugkräftige Parole auszugeben, als er behauptete: "Wenn ich Präsident wäre, gäbe es keine Berliner Krise!" Überraschen konnte diese Form der Selbstempfehlung nicht. Wallace sieht sich als den alleinigen Erben Roosevelts, ohne sich allerdings darüber Rechenschaft abzulegen, ob Roosevelt auch heute noch an seiner Bündnispolitik mit Moskau festhalten würde und konnte. Auf solche Überlegungen dürfte es ihm aber auch zunächst, gar nicht ankommen. Wallace erscheint im Augenblick als der typische Vertreter einer Opposition um jeden Preis. In ihr sieht er vermutlich bei dem starr vorgezeichneten Schema, in dem sich das parteipolitische Leben der Vereinigten Staaten bewegt, die einzige Chance, sich zur Geltung zu bringen. Eine dritte Partei neben den Republikanern und Demokraten war in den USA immer schon zu einem Schattendasein verurteilt. Um also nicht von vornherein das Risiko eines mißglückten Experiments einzugehen, gebot es sich für Wallace von selbst, sein ohnehin umstrittenes Außenseitertum so stark zu akzentuieren wie nur möglich. Jedes Einschwenken in die Nähe der beiden anderen großen Parteien hätte sein eigenes Parteiprogramm farblos, wenn nicht schon gar im Entstehen unwirksam machen müssen.

Die Stunde, zu der Wallace den ersten Nationalkonvent seiner Partei einberief, war kritisch genug. Truman, der in besonderem Maße in ihm als seinem früheren demokratischen Parteigefährten einen Abtrünnigen sieht, hatte erst zwei Tage vorher seine lange hinausgezögerte Zustimmung zur offiziellen Diffamierung der Kommunistischen Partei gegeben. So blieb denn Wallace nur die Wahl, sich von den Kommunisten öffentlich zu distanzieren oder für sie Partei zu ergreifen, Eine eindeutige Stellungnahme gegen die Kommunisten war nicht mehr möglich, gerade jetzt nicht, da auf ihnen durch die Verhaftung mehrerer Führer und die gegen sie erhobene Anklage das Odium des Hochverrats lag. Seit seiner Kampfansage an die USA-Außenpolitik, die im Herbst 1946 seine Entlassung als Vize-Präsident zur Folge hatte, erst recht aber seit seinem eigenmächtigen Briefwechsel mit Stalin gilt er als Freund der Sowjetunion. So konnte es nicht wundernehmen, daß er den Kommunisten, soweit sie sich zu ihm hinüberretten wollen, ein Asyl in seinen eigenen Reihen anbot,

Es wäre indes verfehlt, die ekstatisch erhitzte Begeisterung, die Wallace auf dem Parteikonvent im Baseball-Stadion von Philadelphia empfing und die sich bei jedem Satz seiner Rede nur noch steigerte, allein diesem Plädoyer für die Kommunisten zuzuschreiben. Rein äußerlich schon war die meist sehr jugendliche Anhängerschaft, die ihn umjubelte, ein Beweis für das persönliche Prestige, das der Rebell Wallace bei all denen genießt, die schon das Abweichen von der eingefahrenen Tradition des politischen Lebens in den Staaten begrüßen. Für sie ist Wallace die große Hoffnung auf eine Veränderung des politischen Kurses, den Dewey trotz mancher oppositioneller Thesen der Republikaner nicht Versprechen konnte. Überdies umgibt Wallace der immer wieder verführerische Nimbus des alten New Dealers. Die innenpolitischen Erwartungen, die man darum an einen Mann wie Wallace knüpft, dürften mindestens so groß sein, wie die, die man auf ein außenpolitisches Nachgeben gegenüber Moskau setzt. Es war darum vielleicht nicht nur ein gegen die Republikaner gerichtetes Manöver, wenn Truman dem Kongreß völlig überraschend ein sehr weitgehendes Sozialprogramm zur Erledigung vorlegte.

Das Programm des Fortschritts, das Wallace in den Namen seiner Partei hineinnahm, indem er sie in "Fortschrittliche Partei" umtaufte, hat gerade in den letzten zwanzig Jahren in den Staaten niemals seine Wirkung verfehlt. Ihm verdankte Roosevelt schließlich seine große Popularität. Wenn Wallace sich heute mit dem Vertrauen Roosevelts brüstet, so ist das eine sehr wohlüberlegte Spekulation. Er dürfte jedoch das durchweg nüchterne Urteil des amerikanischen Volkes unterschätzen, wenn er glaubt, es lediglich mit Parolen auf seine Seite ziehen zu können. Die politische Konzeption, die hinter ihm steht, ist mager genug. Eine klare Einschätzung der politischen Möglichkeiten, denen die USA sich gegenübersehen, verrät sich in ihr nicht. Wahrscheinlich auch würde Wallace seinen Ruf entscheidend gefährden, wenn er die Rolle des Außenseiters notgedrungen aufgäbe. –e