Von Edgar Gerwin

Sechzehn Staaten mit 215 Millionen Einwohnern und das von drei Besatzungsmächten kontrollierte Westdeutschland mit 45 Millionen – das ist Marshall-Plan-Europa. Für alle diese Völker, durch Grenzen getrennt, durch Kriege entzweit, durch ihre Not keineswegs gesint, sollen gemeinsame Pläne über die Verwendung der Hilfe entwickelt werden, die ihnen 140 Millionen Amerikaner freiwillig und einmütig zugedacht haben, eine Hilfe von vielen Milliarden Dollar, über vier Jahre verteilt.

Der Verwalter dieser Milliarden, Paul Hoffman, ließ bei seinem ersten Besuch Europas in seiner neuen Eigenschaft unmißverständlich erkennen, daß Europa hinkt, wo es springen sollte, und sei es mit letzter Kraft. Er vermißt den Schwung, den inspirierenden Funken, ja selbst das uneingeschränkte Interesse der höchsten Stellen in den einzelnen Staaten. Und aus seiner Kenntnis der amerikanischen Mentalität erwächst daraus die Befürchtung, drüben könne die Freude an der Hilfe vorzeitig erlahmen.

Von den Erfolgen im ersten Jahre hängen die Bewilligungen für das nächste Jahr ab. Das weiß Hoffman, das sprach er aus, und fühlte sich dabei in der wenig dankbaren Rolle, den Empfängern erst zureden zu müssen, während die Zeit drängt. Der Vertreter Englands, Schatzkanzler Sir Stafford Cripps, erwies sich durch Hoffmans Kritik besonders getroffen. Dazu trug bei, daß schon vor der Pariser Konferenz der Marshall – Plan – Länder kontinental – europäische Zeitungen Kohlen gleicher Art auf das Haupt von John Bull gehäuft hatten. Zwar sind britische Experten in Paris tonangebend und emsig um Zahlen und Fakten und praktische Arbeit bemüht. Aber es kommen nur trockene Statistiken dabei ‚heraus, und die Regierungen des Festlandes vermissen die große Linie. Nicht daß die anderen deshalb schuldlos wären. Aber sie fühlen sich etwas der Führung beraubt, seitdem Downing Street seinen so sicher auf dem ungewohnten Marshall-Plan-Parkett ausschreitenden Sachverständigen – den im Kriege zum klarsichtigen Wirtschaftsplaner gewordenen Philosophie-Professor aus Oxford, Oliver Franks – nicht zum ständigen Vertreter beim Pariser Büro, sondern Zum britischen Botschafter in Washington bestellte. Sie fürchten, daß England zwar Marshall-Hilfe nehmen will, wie die anderen auch, aber, nicht bereit sei, aus der insularen Reserve herauszutreten und sich vorbehaltlos an die Spitze einer westeuropäischen Wirtschaftseinheit zu stellen, den übrigen ein Vorbild, dem man nacheifern könnte – und müßte.

Den Verdacht eines Solo-Derby konnte Cripps in Paris nicht vollständig zerstreuen. Man spürte für die übrigen Starter eher bremsenden Zügelgriff, wo man einen aufmunternden Peitschenschwung erwartete. Er empfahl politisch besetzte Konferenzen der Marshall-Länder "bei Bedarf" und nach Einladung, nachdem eine irische An regung zu regelmäßigen Zusammenkünften nicht nur viele Beteiligte, sondern auch den amerikanischen Gast, angesprochen hatte. Dabei hatte Cripps sich auch einige Ermunterungen ausgedacht. Den Europäern kündigte er einen Nutzen aus den britischen Erdnuß- und sonstigen Afrika-Projekten an. Und Mr. Hoffman begeisterte er mit dem Vorschlag, einen britisch-amerikanischen Rat von Unternehmern und Arbeitnehmern zu bilden, der Englands Industrie mit dem technischen Fortschritt Amerikas bekanntmachen soll. Doch gerade hier zeigte sich, wie sehr die britische Öffentlichkeit dem Planer Cripps mißtraut und ihm die Hände zu binden trachtet. Weit davon entfernt, in dieser Gründung einen Gewinn für England zu sehen, wetterte das Unterhaus zwei Tage lang über die "unerhörte Einmischung" in die wirtschaftliche Souveränität Großbritanniens. Die konservative Opposition sorgte sich um eine unangebrachte "Gefährdung der Qualität britischer Waren durch die Übertragung der Prinzipien amerikanischer Massenproduktion". Aus dem Labour-Lager klangen ängstliche Befürchtungen auf, der amerikanische Kapitalismus könne die britische Sozialisierung beeinträchtigen. Cripps mußte seine nicht geringe Überredungskunst aufbieten, um die Parlament tarier zu überzeugen, daß viele britische Industriezweige bisher ohne jeglichen Kontakt mit den technischen Erfahrungen Amerikas seien und daß nichts unversucht bleiben dürfe, die englische Produktionsleistung zu verbessern.

Ein freiwilliger Bundesgenosse bot sich ihm an, als auf dem Londoner Gewerkschaftskongreß der Marshall-Plan-Länder (auf der Westdeutschland übrigens im Gegensatz zur Pariser Tagung gleichberechtigt vertreten war) die Delegierten der beiden großen USA-Gewerkschaften offenbar kräftig vom Leder zogen. Aus ihrem Kreise soll schon vorher eine Denkschrift nach England gelangt sein, in der höchst kritisch den britischen Arbeitervertretern vorgeworfen wird, sie vertrauten bei der Verwirklichung ihrer Interessen zu sehr auf politische Mittel. Die Steigerung der Leistungen komme dabei entschieden zu kurz. Ein einzelner Vorstoß dieser Art wird sicherlich das festgefügte (und ein wenig festgefahrene) Verhältnis der britischen Arbeiter zur Arbeit nicht von Grund auf ändern können. Doch da die Kritik offenbar zwar energisch, aber Ja freundschaftlichem Geist vorgebracht und überdies von einer ehrlich- begeisterten Hilfsbereitschaft der amerikanischen Gewerkschaften für Europa im Sinne Marshalls getragen wurde, scheint sie auf nicht zu steinigen Böden gefallen zu sein.

Und so wie die Aussprache der Gewerkschaftler in London, hat auch die Beratung der Politiker in Paris die Atmosphäre etwas bereinigt. Dies dürfte auch einige Früchte, tragen. Die Anregung von Mr. Hoffman, jedes beteiligte Land möge einen Vierjahresplan für seine eigene Marshall-Hilfe und das Pariser Büro einen zusammenfassenden Plan für die europäischen Bedürfnisse ausarbeiten, möglichst für die einzelnen Jahre unterteilt, dürfte wohl befolgt werden. Es hat dabei durchaus beruhigend gewirkt, daß Hoffman nur eine Rahmen-Planung vorschwebe von der er auch keinerlei Perfektion, sondern nur eine Konzeption der Richtschnur erwartet. Schwieriger wird es sein, dem Pariser Büro, als dem Organ der Beteiligten, grundsätzlich die Zuweisungen zu überlassen, die nur bei physischer Leistungsunfähigkeit der USA von Washington abgeändert werden sollen.