Der politische Himmel Bayerns hat sich unversehens bezogen. Die erste Bob brachte die Währungsreform mit, ihren Windstößen in die Segel der Bayernpartei. Hätte der Schlachtruf: "Bayern den Bayern" noch bis vor kurzem die Parole "Preußen nach Preußen" eingeschlossen, so haben die leeren Hotels und Pensionen in den Kurgebieten mit schmerzhafter Plötzlichkeit bewiesen, daß separatistische Schlagworte keinen Ersatz für die Börsen der Kurgäste bilden. Für den Landesvorsitzenden Dr. Baumgartner mag dieser Wetterumschwung ein zwingender Anlaß gewesen sein, sich vorzeitig von seinem Krankenlager zu erheben, an das er ernstlich gefesselt war. Noch blaß und ernst, noch nicht wieder im vollen Besitz seiner Vitalität, hat er zwar erneut das selbständige, freiwillig. sich einem deutschen Bund anschließende Bayern und die Überprüfung aller seit 1933 angesiedelten Nicht-Bayern gefordert, aber er hat sich auch schon zu dem Zugeständnis herbeigelassen, daß die Frage der "Landesfremden" keineswegs der wichtigste Programmpunkt seiner Partei sei.

Unter dem Einfluß einer derartigen veränderten politischen Wetterlage haben sich auch die Wachtumsbedingungen gewisser polemischer Praktiken gewandelt, die dem Aufblühen des bayerischen Nationalismus eine Zeitlang günstig waren. Symptomatisch dafür ist der jüngste Beleidigungsprozeß, den Dr. Josef Müller, Landesvorsitzender der CSU, stellvertretender Ministerpräsident und Justizminister, diesmal gegen den zweiten Mann der Bayernpartei, Anton Donhauser, vor dem Kemptener Schöffengericht angestrengt hatte. Der "Ochsensepp" konnte sich dabei nicht nur mit sehr starken Ellenbogen gegen den Vorwurf verwahren, die christliche Politik der Union mit Hilfe seiner "Befehlsempfange in Karlshorst" zur Wiederaufnahme der alten zentralen. Reichspolitik mißbraucht zu haben, sondern er fand auch mit seinen Angriffen gegen die separatistische Politik bestimmter Gruppen der CSU und der Bayernpartei, die er vor Gericht vortrug, in breiten Schichten der Öffentlichkeit mehr Verständnis und nachträgliche Rechtfertigung, als seinem Beleidiger lieb sein konnte.

Wie nachhaltig der politische Wetterwechsel ist, beweist auch der Umstand, daß er sogar die Wellen von Radio München beeinflußt. In bisher nicht erlebter Schärfe kritisieren Rundfunkhörer, Staatsminister, auf Gesamtdeutschland eingestellte Parteien und Zeitungen die innerpolitischen Kommentare des Chefredakteurs der Station, Walter v. Cube. In der berechtigten Auffassung, daß seine Auslassungen als amtliche Visitenkarte des Senders zu gelten haben, trifft Cube der Vorwurf, sich über ein Mikrophon der Militärregierung wie ein Sprecher der Bayernpartei zu gebärden. Der Tenor seiner Kommentare heißt: die Koblenzer Entschließungen der Länderchefs sind aus Angst vorm Osten gemacht worden. Der einmütige Protest, der sich dagegen erhob, unterstützt die Linie Dr. Ehards, dessen mit wohltuender Selbstverständlichkeit vertretene gesamtdeutsche Perspektive auch in Bayern die Kirchturmperspektive zu verdrängen beginnt. Kurt Gelsner