Die explosive politische Atmosphäre Perus – eines Staates, der mehr als doppelt so groß ist wie Frankreich – ist erheblich in der landwirtschaftlichen und bevölkerungsmäßigen Zerrissenheit des Landes begründet. In keinem anderen lateinamerikanischen Staat sind derart krasse Gegensätze zu finden. Der landwirtschaftliche und damit auch der Bevölkerungsschwerpunkt-Perus liegt in der tropischen und subtropischen Zone. In der westlich modernen Hauptstadt Lima hingegen kann man, infolge der kalten Meeres-. Strömungen stets getrost einen Pelzmantel tragen. Nirgendwo in Lateinamerika haben sich ferner die Indianer ihre Rasse und Tradition so ausgeprägt erhalten wie in diesem Land. Zusammen mit den indianischen Mischlingen, den Indios, machen sie fast 85 v. H. der siebeneinhalb Millionen Einwohner aus, ihre Kleidung hat sich seit den Zeiten Pizarros kaum verändert. Aber auch sie bilden keine Einheit. Die Hochlandindianer, die sich nur in Höhen über 4000 m wohlfühlen, sie vor allem in Erzlagern beschäftigt sind, haben keine Verbindung mit dem Tiefland. Schon in 1500 m Höhe werden sie von Fieber und Tuberkulose gepackt. So fehlt denn Peru ein kraftvolles kulturelles und politisches Zentrum. Bei 58 v. H. Analphabeten und 90 v. H. Einwohnern, die vom Boden leben, hat sich ein außergewöhnlich starkes landwirtschaftliches Proletariat gebildet.

Alle modernen sozialen Gesetzgebungen, wie bezahlter Urlaub, Krankenversicherung und Schutz für Mutter und Kind, alle Versuche, den Lebensstandard der Indianer zu heben, scheiterten an ihrer Passivität. Sie stehen der Hast und Gewinnsucht des modernen Lebens völlig hilf- und verständnislos gegenüber. So war es natürlich, daß Peru, einst ein ideales Kolonialland, nach seiner Befreiung von den Spaniern nur mit erheblichen Kapitalzuschüssen existieren konnte. Diese fließen dank der Bodenschätze reichlich ins Land. Neben Kupfer und Baumwolle ist es vor allem Öl, das besonders nordamerikanische Geldgeber anzieht. –

Und eben diese Interessen bildeten indirekt die Ursache eines kürzlich stattgefundenen Aufstandes im Süden Perus, der ohne ernste Gefechte nach ein paar Tagen zusammenbrach. Geologen hatten vor einiger Zeit in den östlichen Ausläufern der Anden auf einem 300 000 qkm großen Terrain Ölvorkommen entdeckt, durch die Peru zu einem der reichsten Erdölländer der Welt werden könnte. Die "Standard Oil Company" war damals sofort mit Lima in Verbindung getreten und hatte sich bereiterklärt, mehrere Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen. Gegen diese "Auslieferung der reichen Ölgebiete von Sechura durch die Regierung" – hatte der inzwischen nach Bolivien geflüchtete Führer der Rebellen, Oberst Alfonzo Llossa, seihe Ergebnislose Erhebung in erster Linie geführt. Doch ist gewiß, daß auch seine Revolte mit einer weit ernsteren politischen Krise des Landes zusammenhing, in deren Mittelpunkt die APRA – oder, wie sie seit einigen Jahren heißt, die Volkspartei – und ihr Führer Haya de la Torre stehen.

Haya de la Torre, der in Oxford unter Professor Harold Laski sein Examen abgelegt hat, ist eine der markantesten Persönlichkeiten im Sozialleben Lateinamerikas. Die APRA, seine Idee und Gründung, hat in den letzten zehn Jahren besonders unter dem indianischen Proletariat große Anhängerschaft gefunden. Ihr Zentrum ist Peru – aber sie hat Mitglieder in allen lateinamerikanischen Staaten, in denen die Verhältnisse ähnlich liegen: De la Torres Programm hat eingeschlagen; Nationalisierung der Großindustrie, Aufteilung des Großgrundbesitzes, Fiskalisierung der Denken und Anteil der Indios am politischen Leben. Mit seiner Forderung nach einem "Indio-Amerika" und nach Teilnahme der lateinamerikanischen Staaten an der Kontrolle des Panamakanals zog er sich zwar vorübergehend den Unwillen der USA zu, den er aber bald zu beschwichtigen verstand. Er verlangte die Genehmigung umfangreicher ausländischer Kapitalinvestierungen, um die Industrialisierung Perus zu vervollkommnen.

Trotz Gefängnis, Ausweisung und Verbots politischer Tätigkeit hat sich de la Torre durchgesetzt, so daß die linksgerichtete, aber anti-Kommunistische Volkspartei heute in Peru die überwiegende Mehrheit hat. Staatspräsident Bustamante wurde bereits 1945 mit ihrer Hilfe gewählt. Und obgleich er sein erstes Kabinett – das sich ausschließlich aus hohen Militärs zusammensetzte, ohne Kongreß durch Erlässe regierte und die Volkspartei verbieten wollte – durch eine zivile Regierung ersetzt hat, wirft ihm Wie Volkspartei heute vor, sich allzu sehr zur bürgerlichen Mitte hin orientiert zu haben. Die überstürzte Rückkehr de la Torres von einer längeren Reise durch die USA hat jetzt die Atmosphäre erneut mit Hochspannung geladen: Die ‚Volkspartei will die ihr stimmenmäßig zu-Stehende Regierungsgewalt übernehmen.

–er.