Drei Währungsreformen mußten die Berliner über sich ergehen lassen. Es zeugt für ihr Anpassungsvermögen, daß sie sie überstanden haben. Aber wenn nicht die Westmächte und Moskau eine Lösung für Berlin finden, dann könnte Berlins Industrie nach dem Rezept "Operation gelungen – Patient tot" doch noch in die Hände der Wirtschaftsdiktatur der Sowjets geraten. Denn die für die Ostzone zuständige Deutsche Wirtschaftskommission, die der Kontrolle der SMA untersteht und praktisch nur deren Sprachrohr ist, hat die Sperrung aller Ostmark-Konten der Westsektoren-Wirtschaft angeordnet. Sie sollen erst freigegeben werden, wenn die städtischen Betriebe ihren Verrechnungsverkehr ausschließlich in Ostmark vornehmen und alle Westberliner Firmen die Abwicklung ihres Zahlungsverkehrs über Konten der sowjetisch kontrollierten Kreditinstitute laufen lassen. Man will also über den eleganten Weg der Geld- und Kreditlenkung Berlin in den propagandistisch groß herausgestellten Zweijahresplan der Ostzone einspannen.

Zur Peitsche gehört aber nach altem Rezept auch Zuckerbrot. Gleichzeitig gründete die DWK eine. Handelsgesellschaft Groß-Berlin, der es übertragen wurde, "den Absatz der Fertigproduktion der Westberliner Industrie-Unternehmen zu organisieren und die entsprechenden Maßnahmen für die Versorgung dieser Industrie-Unternehmen mit den erforderlichen Rohstoffen, Brennmaterial und Elektroenergie zu treffen". Und ferner rief man die Westberlinerauf, sie sollten ihre Lebensmittel im Ostsektor beziehen. Nachdem man also mit Hilfe der Transportsperre Berlin in das Elend hineinmanövriert hat, spielt man sich jetzt als Retter in der Not auf. Dabei ist noch sehr zweifelhaft, ob die DWK überhaupt liefern kann; Berichte aus der Ostzone besagen, daß die Wirtschaftskommission noch nicht einmal ihre eigene Zone versorgen kann. Ein Polizeistaat kann natürlich die Ware dort konzentrieren, wo sie ihm Prestigeerfolg bringt. Aber auf die Dauer wäre weder den Berlinern noch der Ostzone mit einer solchen Regelung geholfen. Die Reaktion der Berliner war entsprechend: Von den 2,1 Millionen Verbrauchern der Westsektoren haben nur 20 000 von dem Angebot des Lebensmittelbezugs in den Ostsektoren Gebrauch gemacht und erst wenige Firmen entschieden sich für den Verkehr mit der "Handelsgesellschaft Groß-Berlin".

Auf die Dauer hätte die Westsektoren-Industrie nicht der DWK entgehen können. Wenn der Unternehmer die sowjetische Diktatur auchnicht liebt, so hätte er sie doch als kleineres Übel angesehen; denn Strom- und Rohstoffmangel bedeutet Kurzarbeit oder Arbeitseinstellung und dauernde Illiquidität zwingt zum Konkurs.

Nun aber haben die Sowjets plötzlich wie schon so oft den Kurs geändert. Die Finanzabteilung der britischen Kontrollkommission konnte bekanntgeben, daß die Russen die Kontensperre für Teilbeträge aufgehoben haben und daran keine Bedingungen geknüpft sind. Sie wollen also anscheinend die Wirtschaftsblockade in Berlin nicht auf die Spitze treiben, solange in Moskau das diplomatische Gespräch im Gang ist.

Ob diese optimistische Information aber stimmt, ist noch ungeklärt. Es scheinen doch Bedingungen an die Kontenfreigabe geknüpft zu sein. Die "Ost-Seite" spricht von individuellen Entsperrungen; die "West-Seite" erklärt durch den Magistrat, daß die Freigabe der Firmenkonten lit einer teilweisen Unterwerfung der Westsektorenfirmen unter die Kontrolle des Ostens verbunden sei. Die Westmächte gaben ihrerseits für Löhne und Gehälter einen Kredit von 100 DM je Kopf als Überbrückungshilfe.

Mit dieser Beruhigung ist der kalte Krieg der Alliierten um Berlin in ein neues-Stadium getreten, wobei zweifellos anzuerkennen ist, daß die Sowjets die stärkere Position haben. Den Westmächten bleiben dabei in geldpolitischen Dingen zwei Möglichkeiten. Die eine ist, die Ostwährung voll anzuerkennen und die andere, daß die Westalliierten ihr geschriebenes und vertragliches Recht der Währungs- und Bankhoheit in den Westsektoren in Anspruch nehmen und konsequent durchführen. Noch haben die Westalliierten sich nicht entschieden. Die erstere Möglichkeit deutet Reuter an: General Robertson soll Außenminister Bevin über die Möglichkeit berichtet haben, die Berliner Krise durch die Ausgabe von Ostwährung für die ganze Stadt zum Abklingen zu bringen. Die etwaige Zustimmung der Westmächte zur Einführung der Ostwährung würde allerdings davon abhängen, daß sie durch alle vier Besatzungsmächte gemeinsam erfolgt. Die zweite Möglichkeit entspricht wohl mehr dem Willen des Berliner Magistrats, der sich durch seinen Stadtrat Klingelhöfer eindeutig für das Verbleiben der Westmark in Berlin ausgesprochen hat. Dazu Wäre eine offizielle Relation Ostmark-Westmark nötig, wie sie bereits in Wechselstuben der Westsektoren im börsenmäßigen Freiverkehr mit einem täglichen Umsatz von 4 bis 500 000 DM ausgehandelt wird. 1 DM entspricht hier 2,4 bis 2.7 Ostmark.

W-n.