Von Josef Marein

Im Bergischen Lande sagten die Onkels zu den Kindern: "Willst du den Kölner Dom mal sehn?" Dann riefen die Mütter: "Nein, mach das nicht!" Und wirklich war schon einmal einem Kinde der Hals dabei gebrochen worden. Wir aber wollten trotzdem den Kölner Dom sehen. Der Onkel nahm unseren Kopf zwischen seine Hände, als wollte er ihn pressen. Alsdann hob er uns empor, so hoch seine Arme reichten. Damit wir uns aber – so am Kopf emporgehoben – den Hals, nicht brachen, hielten wir zur Sicherheit das Handgelenk des Onkels fest umklammert. Den Kölner Dom natürlich haben wir nicht gesehen. Die Veranstaltung fand ja im Zimmer statt ...

Droben, wo das Bergische Land mit seinen schon recht wuchtigen Erhebungen zum Oberbergischen Land befördert ist, stand eine mächtige Buche. Von dort – sagten die Leute – könne man bei klarem Wetter den Kölner Dom erkennen. Wie oft haben wir im Gipfel dieser Buche gesessen, glitzerndes Grün um uns und herber Duft, und haben uns die Augen ausgeschaut, den Kölner Dom wiederzusehen, und wenn nicht den ganzen, so doch wenigstens ein kleines Spitzchen seiner lieben Türme. Doch immer lag ein feiner Nebel über diesem Lande zwischen den Bergen und dem Rhein.

Auf der Fahrt nach Köln – lange bevor der Zug den Rhein erreichte – hingen wir den Oberkörper aus dem Fenster, und hinten hielt uns die Mutter am "Schlafittchen" fest. Und wer den Kölner Dom zuerst, sah, brach in Jubelrufe aus. Mit Recht, denn er hatte ja den Kölner Dom zuerst gesehen. In Deutz hielt der Zug. Dann donnerte er über die Hohenzollernbrücke. Fuhr geradenwegs auf den Dom zu, als sei er nur der Kathedrale wegen nach Köln gefahren. Der alte Kaiser Wilhelm hatte dies so haben wollen: Schnurgerade drauflos mit dem dampfenden Zug auf den Dom! Und mein Vater, wenn dieRede darauf kam, sprach nicht gut vom Kaiser Wilhelm.

"Bring mal deinen Kölner Dom", sagte der Vater, und ich brachte ihn, denn meine Sparbüchse hatte dieGestalt des Domes, war sein getreues Ebenbild. Und der Vater nahm Bausteinchen oder auch Streichholzschachteln und lehnte sie dicht an die bronzenen Wände. Da thronte der Dom behäbig Und warm über den Bausteinen und Streichholzschachteln, die Häuser darstellen sollten, wie eine Glucke über ihren Küken, "Ja", sagte der Vater erfreut: "Das ist ein guter Ausdruck –: wie die Glucke über den Küken". Und er fügte, hinzu: "Seht, so haben sie die Häuser, die sich an den Dom schmiegten, weggeputzt ..." und er wischte die Bausteinchen beiseite und steckte die Streichholzschachtel in die Tasche. Auf dem Tisch stand ganz allein der Kölner Dom. Und seine Außenmauern waren kahl und nackt. "Seither" – so setzte die Mutter hinzu – "zieht es auch so am Dom."

Wie oft standen wir und sahen zu, wie den Leuten just vor den Stufen zum Portal die Hüte von den Köpfen flogen. Die hohen Türme hohen den Wind vom Himmel, ließen ihn an den Wänden herniedersausen: so blies der Dom im heiligen Köln den Leuten die Hüte von den Köpfen, auf daß sie – bevor sie eintreten konnten, um zu beten – erst eine Weile hinter ihren Deckeln herlaufen mußten. Es war wohl spaßhaft, daß der Dom dies tat. Spaßhaft – denn der Kölner Dom, so erhaben er ist, er steht ja in Köln. Spaßhaft? Die Mutter ist dort, wohin die Domtürme zeigen. Würde sie noch lachen, weil es am Dom so zieht? – Ich kam nach. langen Jahren nach Köln, und sie hatten diesmal den Dom bis fast zum Stadtrand freigelegt. Ich irrte durch die Trümmer und fror, obwohl die Sonne schien. Es zog. in ganz Köln entsetzlich, die Hände hielten die Baskenmütze umklammert; die Haare flatterten. Eins nur war tröstlich: Wo du auch stehst in Köln, du siehst den Dom, dort zwischen Trümmern in grandioser Einsamkeit.

Er ist nie vollendet worden, der Dom. Er wird nie vollendet werden. Der weiche Sandstein – der so willig ist, sich formen zu lassen, sich in Filigranwerk zu verfeinern – er hält den Nebel überm Rhein nicht aus und vor allem nicht die ätzenden Dämpfe des Hauptbahnhofs in seiner Nähe. Die Gefahr des Bahnhofs hat man uns in der Schule oft erklärt, aber es ist nie geändert worden. Und immer wären Baugerüste am Dom, und hoch oben krabbelte immerfort ein Mensch und hämmerte, meißelte, mauerte -irgendwo herum. "Das ist der Dombaumeister vermuteten wir. Denn in Köln war Dombaumeister zu sein schon im Frieden ein Beruf. – "Ein Dom, der niemals fertig wird, nie, nie?", fragte verächtlich ein kleiner Besuch aus Nord-, deutschland, und mein Bruder Hans funkelte ihn aus dunklen Augen an und mit rheinischer Politesse spie er ihm mitten ins Gesicht ...