Eintracht im Hause und Friede vor den Toren – so lautet die einladende Devise am ehrwürdigen Holstentor in Lübeck. Gilt der Prophet noch immer nichts im eigenen Lande, wenn jetzt mit der Aufforderung zu einem siebentägigen Käuferstreik die Gewerkschaften in Lübeck den Aufstand der Käufer anderwärts noch zu übertrumpfen suchen? Oder ist es die Nachwirkung des "Kopfgeldrausches", von dem Professor Erhard in einer aggressiven Auseinandersetzung mit seinen Kritikern über den Münchener Rundfunk sprach?

Die Käuferempörung über zu. hohe Preise für Obst und Gemüse, in Einzelfällen auch für Textilien und Schuhe, ist sicher berechtigt. Ein Käuferstreik und auch einmal ein umgeworfener Marktkorb sind zwar drastische, aber in der gewaltigen Umstellung aus dem "tausendjährigen" Preisstopp der Zwangsbewirtschaftung sehr nützliche Beweisstücke. Nur darf man die gesamte Produktion nicht mit den zu teuren Pflaumen ausschütten. Nur ein Bruchteil der Preiserhöhungengehtauf reine Gewinnsucht zurück, gegen die noch in diesem Monat mit dem Preiswucher-, gesetz energisch durchgegriffen werden soll. Vielfach handelt es sich um die Auflösung von offenen oder versteckten Subventionen, etwa bei Kohle oder Eisen oder bei den künstlich verbilligten ausländischen Rohstoffen. Nachdem diese Anpassung jetzt abgeschlossen ist, und nachdem die Wirtchaft vom Käufer wie vom Staat auf ihre Verantwortung bei der Preisbildung hingewiesen worden ist, braucht man nicht mehr zu fürchten, daß die Preise noch weiter bis in den Himmel wachsen werden.

Das Wuchern der Preisblüten war ein Schönheitsfehler in der ersten Phase nach der Geldreform. Im übrigen hat Erhard zweifellos recht, wenn er den Verfechtern der "abgestandenen Ladenhüter der staatlichen Rationierung und Preisbildung" zuruft,, das Volk habe längst sein Urteil gegen das schreiende Unrecht der Bevormundung und Demütigung durch die Bürokratie bei der Güterversorgung gesprochen. In einer geordneten Wirtschaft dürfe es keinen anderen Bezugsschein als das Geld geben. Es sei ein "Kinderschreck", wenn gegen die Marktwirtschaft eingewandt werde, daß in unserer Lage die Güterproduktion, zur Deckung des Bedarfs nicht ausreichen würde. Nach dem Versagen der Zwangswirtschaft, die nicht einmal das vor anderthalb Jahren verkündete Pfennigartikel-Programm für ein paar Nadeln, Hosenknöpfe und ein paar Meter Stopfgarn verwirklichen konnte, würde nichts die Stabilität der neuen Mark mehr untergraben als die Wiedereinführung einer staatlichen Güterbewirtschaftung und eines neuen Preisbildungssystems.

Freie Berufswahl und freie Konsumwahl, das ist der Kurs, der jetzt gesteuert wird, und die freie Preisbildung gibt den Kompaß dafür. ab. Wenn Erhard nach sieben Wochen Fahrt auf diesem Kurs überzeugt aussagt, es habe sich nichts ereignet, was ihn nur im geringsten an der Richtigkeit der eingeschlagenen Wirtschaftspolitik irremachen könnte und er erneut von seiner Gewißheit spricht, daß unter dem Druck des Wettbewerbs, im Zusammenwirken mit einer straffen Geld- und Kreditpolitik, die deutsche Wirtschaft zu höchster Kraftanstrengung und Leistungssteigerung gezwungen werden wird, so führt diese Feststellung von der Kommandobrücke den Streit um die Preise in die richtige Perspektive zurück.

Vieles bleibt noch zu tun. Der Abbau in den Ämtern darf nicht länger aufgehalten werden. Die Freizügigkeit der Arbeit und die Freiheit, der Lohnbildung muß wiederhergestellt werden. Die schon zu lange, zurückgestellte soziale Sorge um die Arbeitsunfähigen muß praktisch angepackt werden. Und die Besatzungsmächte sind immer wieder daran zu erinnern, daß die freie Schöpfungskraft der deutschen Wirtschaft auch von ihnen zu unterstützen ist, bei der Senkung der Besatzungskosten, bei der Behandlung der Demontagen, bei der Befreiung des Außenhandels von seinen bürokratischen Klammern. Aber der Kurs ist richtig, daran kann die Demagogie, nichts ändern, gegen die sich Erhard nunmehr im Angriff zur Wehr setzt. E. G.