Gespräch der "Zeit" mit Oberdirektor Dr. Hermann Pünder über die katastrophalen Folgen des Abbaues der deutschen Industrie

Die Demontage deutscher Fabrikanlagen ist erneut in ein akutes Stadium eingetreten. Verschiedene große Werke haben Demontagebefehl erhalten, bei anderen ist der Abbruch bereits eingeleitet worden. Die deutschen Sachverständigen der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl, die in den gemischten Kommissionen zusammen mit Alliierten die Frage der Demontage zu prüfen hatten, sind unter Protest ausgeschieden mit der Begründung, daß die Folgen der Demontagepolitik nicht zu verantworten seien. In diesem Augenblick allergrößter Besorgnis hat Dr. Hermann Pünder, Oberdirektor und Vorsitzender des Verwaltungsrats der Zweizonenwirtschaftsverwaltung, Marion Gräfin Dönhoff als Vertreterin der "Zeit" ein Interview zu diesen Fragen gegeben.

Frage: Die ersten Marshall-Hilfsgelder für Deutschland gehen ein und zur gleichen Zeit erleben wir Demontagen, großen Stils in der französischen Zone, den Streik, in den Hoerder Werfern im Ruhrgebiet, wo die Arbeiter sich weigern, Ihren Arbeitsplatz abzuwracken, erfahren wir, daß Kugelfischer, Schweinfurt, den Befehl erkalten hat, die letzten 600 Maschinen auszuliefern, – das ist die Situation, die um alle aufs tiefste beunruhigt, weil sie uns vor Augen führt, daß wir noch immer keinen festen Grund unter den Füßen haben. Können Sie, Herr Oberdirektor, diese, fast möchte man sagen, Schizophrenie einer Wirtschaftspolitik, die gleichzeitig stützt und drosselt, abbaut und investiert, erklären?

Antwort: Sie werden aus der ausländischen Presse und den Diskussionen der parlamentarischen Vertretungen in Amerika und England erschen haben, daß sich die öffentliche Meinung der den Länder scharf, und wie sich besonders in der großen Deutschland-Debatte im Unterhaus am 30. Juni gezeigt hat, einhellig für die Einstellung der Demontage in Deutschland eingesetzt hat. In Washington haben Senat und Repräsentantenhaus, um der Morgenthau-Konzeption entgegenzuwirken, den Artikel 115 (f) des Foreign Assistance Act of 1948 erlassen und damit ein wirksames Instrument zur Nachprüfung der Demontageliste geschaffen. Es ist dort festgestellt worden, daß jedes Land, das die Marshall-Hilfe in Anspruch nimmt, verpflichtet sein soll, dem State Department gegenüber auf einen zu demontierenden Betrieb dann zu verzichten, wenn der Administrator des ERP feststellt, daß wenn Betriebe im Interesse des europäischen Wiederaufbaues in Deutschland verbleiben müssen.

Frage: Wieso haben dann aber General Clay und General Robertson eine Revision der Demontageliste abgelehnt mit der Begründung, daß es sich hierbei um internationale Verpflichtungen handele, die nicht einseitig aufgehoben werden könnten?

Antwort: Man darf nicht vergessen, daß es ein weiter Weg war vom Morgenthau- zum Marshall-Plan. Bei dem verhältnismäßig. raschen Tempo, in dem diese Strecke durchlaufen wurde, haben nicht alle Instanzen gleichmäßig Schritt halten können. Es ist kein Zweifel, daß die Öffentliche Meinung in den angelsächsischen Ländern der Einstellung ihrer Regierungen vorangeeilt ist, die zum Teil noch in überholten Vorstellungen wurzelt. Aber ich bin überzeugt, daß der Leiter der Marshall-Plan-Hilfe der wirtschaftlichen Überprüfung der Demontageliste in einsichtsvoller Weise stattgeben wird.

Frage: Wird denn Ihrer Meinung nach die Marshallplan-Hilfe für Europa durch die Demontagen in den westlichen Zonen gefährdet?