Falsche Berechnungen

Frage: Sie nannten als zweite wichtige Voraussetzung für die Wiederbelebung der deutschen, Wirtschaft die Erhöhung der Eisen- und Stahl-Produktion. Da uns, gemäß dem revidierten Industrieplan 10,7 Mill. t Rohstahlproduktion zugebilligt sind, wir aber, zur Zeit nur etwa 5,7 Mill: t herstellen, wird von alliierter Seite immer wieder darauf hingewiesen, daß es sich bei der Eisenwerke ja – nur um die Demontage der Überschußkapazitäten handele, die wir mangels Rohstoffen, Kohle und Facharbeitern nicht ausnützen könnten, und es sei darum im Sinne der europäischen Wirtschaft notwendig und folgerichtig, diese. Überschußkapazitäten in die Länder zu überführen, die sie tatsächlich auszunutzen vermögen. Ist diese Argumentation zutreffend?

Antwort: Zunächst zur Frage der Überschußkapazitäten im allgemeinen: Die Kapazitätszahlen, welche dem Industrieplan zugrunde gelegt wurden, beruhen zum Teil auf falschen Berechnungen. So sind etwa die sogenannten multilateral deliveries oder zu deutsch die "wilden Entnahmen", die in der britischen Zone seit 1945 rund 6000 Maschinen umfassen, nicht berücksichtigt worden. Die hierdurch entstandenen Kapazitätseinbußen belaufen sich in einzelnen Betrieben auf 30 v. H. und mehr. Noch krasser liegen die Dinge in der französischen Zone, wo bereits vor Bekanntgabe der offiziellen Demontageliste im Oktober 1947 rund 45 000 modernste Maschinen im Anschaffungswert von etwa 200 bis 220 Mill. RM vorweg entnommen worden sind, zum Teil aus Betrieben, die von der offiziellen Teil- und Volldemontage gar nicht betroffen werden, ja sogar aus solchen Werken, die laut Industrieplan gefördert werden sollten. Durch diese Maßnahmen sind Kapazitätsverminderungen von solchem Ausmaß eingetreten, daß in der französischen Zone das gesamte Industrieniveau bereits vor der offiziellen Demontage weit unter den Stand von 1936 herabgedrückt worden ist. Es ist ferner die Auswirkung der bereits erfolgten Demontage wichtiger Schlüsselbetriebe nicht berücksichtigt worden und schließlich ist zu beachten, daß im Wege der Restitution, also der Herausgabe von Maschinen, die während des Krieges aus den besetzten Ländern nach Deutschland überführt worden sind, zahlreiche Maschinen aus Deutschland herausgegangen sind, die ebenso wie die geschilderten VorwegrEntnahmen bei der Aufstellung des Industrieplans als noch vorhanden unterstellt wurden.

Abgesehen von diesen materiellen Berechnungsfehlern ist auch die Berechnungsmethode als solche, die dem Industrieplan zugrunde liegt, verfehlt. Will man nämlich die Möglichkeiten der Wertschöpfung in einer Volkswirtschaft ermitteln, so kann man nur vor. den Nettokapazitäten ausgehen. Dem Industrieplan liegen aber die Bruttokapazitäten zugrunde, das heißt reine Umsatzzahlen. Da nun eine große Zahl von Betrieben fertige Einzelteile und Halbfabrikate von Zwischenlieferanten beziehen – ganz abgesehen von den reinen Montagebetrieben, die mit der eigentlichen Produktion überhaupt nichts zu tun haben – jeder Liefervorgang aber als Umsatz mitgezählt wird, liegen dem Industrieplan zahlreiche Doppel- und Mehrfachberechnungen zugrunde.

Frage: Wie wirken sich nun für die deutsche Wirtschaft die Demontagen aus, die auf Grund dieses Industrieplanes für die Eisen- und Stahlerzeugung festgesetzt worden sind?

Antwort: Im Rahmen dieser Industrie ist der Abbau von organisch gewachsenen Kapazitäten aus einer zeitlich gebundenen, fast könnte man sagen, Eintagsperspektive heraus besonders verheerend. Die Demontage eines solchen Werkes nimmt Jahre in Anspruch. Bis es also soweit ist, daß-die Maschinen und Anlagen, die im übrigen nach dem Abbau oft nur noch einen Schrottwert darstellen, in einem anderen Lande theoretisch wieder nützliche Arbeit leisten können, wird hoffentlich auch in Deutschland der derzeitige Rohstoff- und Kohlenengpaß wieder überwunden sein. Es ist also eine sinnlose Maßnahme, solche Werke mit der Begründung zu demontieren, daß sie an anderer Stelle kurzfristig wieder eingesetzt würden. Da außerdem gerade die Eisen- und Stahlindustrie sehr stark standortgebunden und auf das engste mit den sogenannten Verbundindustrien verflochten ist, kann man so große Werke wie die August Thyssen-Hütte, Friedrich Krupp, Essen und die Reichswerke, die alle drei jetzt zur Demontage vorgesehen sind, gar nicht aus einer in Generationen zusammengewachsenen Wirtschaft, herausbrechen, ohne das ganze Gebäude zum Einsturz zu bringen.

Frage: Welche Kapazität hat beispielsweise August Thyssen? Antwort: Etwa 1,2 bis 1,5 Mill. t. Sie sehen daraus, daß die Tendenz besteht, die sogenannten Überschußkapazitäten in der Weise abzuschöpfen, daß gerade die großen, besonders leistungsfähigen Werke für die Demontage. vorgesehen sind, was zur Folge hat, daß Deutschland sich mit einer Vielzahl von kleinen Unternehmen begnügen muß, die oft stark verstreut liegen und die nicht in der Lage sein werden, die Lücken in der Verbundindustrie zu füllen, die durch die Demontage, geschlagen werden.