Von Adolf Grimme

Das deutsche Kulturleben ist durch wirtschaftliche und verwaltungstechnische Hindernisse in zunehmendem Maße bedroht. Am stärksten wird sein Weiterbestehen gefährdet durch jene landläufige Meinung, die es als eine angenehme Begleiterscheinung wohlhabender Zeiten betrachtet; einen Luxus, auf den in bedrängten Verhältnissen weder Mittel noch auch nur ernsthafte Überlegungen zu verschwenden wären. Was dieser Gesinnung zu entgegnen ist, und wie sehr vielmehr unsere Gegenwart wie unsere Zukunft von der Erhaltung der kulturellen Werte und ihrer Förderung abhängt, welche Regulierungen bestehender, Zustände nötig wären, um diese Förderung zu ermöglichen, das erläutert der Kultusminister von Niedersachsen Adolf Grimme in den folgenden Ausführungen in authentischer Weise.

Der kaum befreite deutsche Geist sieht sich erneut bedroht. Die politische Diktatur der Un-"Heil-Hitler"-Zeit ist drauf und dran, von einer Diktatur der leeren Kassen abgelöst zu werden. Freilich, es hilft kein Augenschließen: Wir gleichen als Volk dem "Fischer und sine Fru", um deren letztes Wohnquartier sie niemand beneidet, und müssen diesem Zustand Rechnung tragen, also die Etats zusammenstreichen. Aber es darf nicht wieder dahin kommen, daß das "etatistische Denken" das politische verdrängt. Wir haben das von damals her noch abschreckend in Erinnerung, als man meinte, durch Drosselung der Ausgaben den demokratischen Staat retten zu können, und darüber aus dem Blick verlor, daß diesem Notverordnungsstaat die Menschen wegliefen, so daß am Ende eine Demokratie ohne Demokraten übrigblieb. Die Wiederkehr solch verhängnisvoller Entwicklung ist bei der Eingleisigkeit, mit der das Denken des Deutschen im politischen Raum herumzufahren pflegt, nicht ausgeschlossen. Noch ist es Zeit, sich auf die Einsicht zu besinnen, daß der Ausgleich des Etats kein Selbstzweck im Leben eines Volkes ist.

Das aber heißt: Der Sparzwang darf nicht zur Sparpsychose werden. Es gilt, sinnvolle Sparpolitik zu treiben. Ihr kann sich kein Gebiet des öffentlichen Lebens entziehen, auch die Kultur nicht, auch nicht die Kultusministerien

Daß diese nicht ungeschoren bleiben können, leuchtet jedem ein, der sich, um das als Beispiel zu nehmen, erinnert, daß vor 1933 das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung das größte Zuschuß-Ressort war und fast ein Drittel des ganzen Staatshaushalts umfaßte. Nicht überraschend deshalb, daß die Sparschere nur zu leicht gerade auf die Kultus-Etats gezückt wird: Was braucht’s heute der Theater und der ,,Luxus"-Professuren in unseren Universitäten, wozu so viel für Forschungszwecke, man beschränke sich auf die dringlichste Berufsausbildung und die -pure Zweckforschung, laßt die Kinder lesen und schreiben lernen, was brauchen sie auf der Volksschule zum Beispiel Englisch! So hört man diskutieren; zu schweigen ganz von dem Starten neuer Vorhaben: Die Forderung auf die Einführung der Schulgeldfreiheit beispielsweise wird angesichts der galoppierenden Schwindsucht unserer Kassen als naiv belächelt. Und Heimschulen für die Waisen von Flüchtlingen oder Kriegs- und Regime-Geschädigten? Wünschenswert; aber auch "etatistisch" zu verantworten? Hinter all dem steckt die Argumentation: Erst einmal leben können; auf den Luxus der Kultur könne man schon einmal eine Zeit vernichten! Schließlich liege es da nicht anders, als wenn der einzelne sich nicht mehr leisten kann, seiner Frau einen Schmuck oder sich die gewohnten "Amis" zu kaufen. Als wenn Kultur ein bloßer Zierat und Geist etwas wäre, das man ohne Schaden nach Belieben auf Urlaub schicken kann und in besseren Zeiten nur zurückfolgendes braucht. Vielleicht, daß man lieber folgendes bedenkt:

Erstens sind öffentliche Haushalte keine privaten Haushaltungen und lassen sich Volkswirtschaftliche Entscheidungen nicht auf Grund einzelwirtschaftlicher Erwägungen fällen. Diese Weisheit lernt jeder Student der Nationalökonomie bereits in seinem ersten Semester; auch die, daß, was im kleinen nützlich ist, im großen Rahmen schaden kann. Verzichtet Herr Müller auf seine Zigaretten, so schränkt er seinen Ausgaben-Etat ein. Das ist richtig. Wenn aber der Staat in entsprechender Weise Abstriche macht, kann das Ergebnis das umgekehrte sein. Da werden Ausgaben oft lediglich von einem produktiven auf einen unproduktiven Sektor verschoben so, wenn bei Auflösung eines künstlerischen oder wissenschaftlichen Zuschußunternehmens die arbeitslos werdenden Kräfte der öffentlichen Fürsorge, der Arbeitslosenunterstützung und so weiter zur Last fallen. Man müßte sich dann schon zu jener produktiven Erwerbslosenfürsorge entschließen, zu deren Inangriffnahme es in der Weimarer Zeit so verhängnisvoll an Beherztheit und politischem Weitblick gefehlt hat. Aber würde sie nichts kosten?

Zweitens: Vergleicht man einmal die Ausgaben für verschiedene Posten eines Etats, etwa die für die Hochschulen des Landes Württemberg-Baden im Jahre 1947, mit denen für die Besatzung, dann bedarf es keines Starstechens, um zu sehen, daß der angerichtete Schaden überhaupt in keinem Verhältnis zu der möglichen Ausgabenverminderung steht; denn was bedeuten die 6 Millionen für die Hochschulen gegenüber, den 442 Millionen für die Besatzung im Etat des gleichen Landes! Oder Niedersachsen? Hier erforderten die Hochschulen 1947 Zuschüsse von rund 17 Millionen, die Besatzungskosten betrugen dagegen 660 Millionen. Wie verschwindend demgegenüber auch die Ausgaben für Kunst und Kultur von 2,6 Millionen oder die für die Jugendpflege von 5,3 Millionen! Man hat oft gerügt, daß der Kulturetat nicht als entscheidender für Volk und Menschheit angesehen worden ist als der Wehretat. Wie ganz anders stünden wir da, wenn man auch nur zu einem kleinen Bruchteil der Parole: "Lehr-Etat statt Wehr-Etat!" im Haushalt des Deutschen Reiches gefolgt wäre! Nun, es könnte sehr wohl sein, daß man dereinst den Grad der heutigen politischen Klugheit – dann allerdings nicht der Deutschen – daran ablesen wird, wieweit dem Grundsatz Rechnung getragen ist, daß Ausgaben für die Besatzung nicht zur Senkung der Mittel für die Erziehung des besetzten Volkes führen dürfen. Man reduziere die Besatzungslasten, die sich in Niedersachsen zur Zeit auf etwa 40 v. H. der Gesamtausgaben belaufen, anstatt daß man sie noch hat steigen lassen, obwohl immer mehr Aufgaben in die Verantwortung der deutschen Hände zurückgegeben sind. Was da heute an Mitteln für kulturelle und insbesondere für Erziehungszwecke gespart wird, rächt sich in wenigen Jahrzehnten; denn je niedriger der kulturelle Standard eines Volkes, um so gefüllter die Fürsorgeanstalten und die Gefängnisse und desto geringer die moralische und die politische Krisenfestigkeit gegenüber verführerischen Parolen leichtsinniger Demagogen.